Kirche am «Züri-Fäscht»: Geschichten hoch über der Stadt

Kinderkonzerte, Blues-Gottesdienste und Turmlesungen: Die fünf reformierten Altstadtkirchen in Zürich waren mit einem bunten Programm am «Züri-Fäscht» vertreten. Einen besonderen Kontrast zum Festtrubel bildeten die Lesungen im Turm des St. Peters.

Blick vom St. Peter. Die inhaltliche Strategie im Reformprozess soll möglichst basisnah in den Kirchgemeinden umgesetzt werden, so eine Forderung der Manifest-Initianten. (Bild: ref.ch)

«Wänn isch au wieder das Wurschtfrässe gsi?», fragt eine ältere Dame ihren Begleiter. Ungefähr 20 Personen haben den Weg hoch in das Turmzimmer des St. Peter gefunden. Im Stundentakt werden hier literarische Texte über Zürich vorgelesen. Zwingli, Keller, Bindschedler, Guggenheim, Glauser, Lavater. Es ist Samstagnachmittag, 43 Meter weiter unten ist das «Züri-Fäscht» im Gang, die stampfenden Beats sind bis hier oben zu hören.

Ein kleines, aber feines Kontrastprogramm wollten die fünf Zürcher Altstadtkirchen  Grossmünster, Wasserkirche, Fraumünster, St. Peter und Prediger während des «Züri-Fäschts» bieten. Die Turmlesungen sind ein Teil davon. 176 Stufen sind es bis ganz nach oben, der intellektuelle Genuss will – gut zwinglianisch – erarbeitet sein.

Im Turmzimmer

Oben ist es eng, die Stühle reichen nicht für alle, die Organisatoren sind selbst überrascht über das grosse Interesse. Rund 20 Minuten dauert die erste Lesung, in der die Schauspielerin Catriona Guggenbühl aus Texten Zwinglis gegen das Soldwesen liest. Die Stimmung ist ungezwungen, es sind Familien, Einzelpersonen und einige Touristen gekommen. Während des Vortrags schweifen die Blicke aus den Fenstern, etwa rüber zum Grossmünster, oder auf die bunte Menge auf der Münsterbrücke.

Nach Zwinglis Ermahnungen an die Schwyzer aus dem Jahr 1522 bleibt Zeit genug, sich im Zimmerchen des ehemaligen Feuerwächters umzusehen oder aus den Fenstern über die Stadt zu schauen. Unten auf der Limmat zeigt ein Wakeboarder in strömendem Regen seine Kunststücke. Der Himmel über Zürich ist wolkenverhangen. Die Organisatoren des «Züri-Fäschts» haben einen schwarzen Tag erwischt.

Das Grüppchen von Besuchern nimmt die 176 Stufen hinab unter die Füsse. Unten auf der St. Peterhofstatt sind die Festbänke leer, es regnet noch immer. Zwanzig Minuten bis zur zweiten Lesung. Das reicht, um ein wenig den jugendlichen Rappern zuzuhören, die sich auf dem Platz installiert haben. «Schiiss Wält», hört man ihre Botschaft. Tröpfchenweise treffen die Besucherinnen und Besucher der nächsten Lesung ein, am Ende sind es wieder gut zwanzig. «Das schlechte Wetter ist sicher ein Vorteil für unsern Anlass», schmunzelt einer der Helfer vor der Kirche.

Schul- und andere Streiche

Wieder geht es die 176 Stufen hoch. Catriona Guggenbühl liest diesmal eine Episode aus dem «Grünen Heinrich». Alle Texte sollen einen Bezug zu Zürich haben, so die Idee der Veranstalter. Die Lesung ist amüsant, sie schildert den Schulverweis des grünen Heinrich. Dieser hatte mit seinen Streichen einen Lehrer in die Verzweiflung getrieben. Der Lehrer wird suspendiert, am Schluss wird er bettlägerig. Burn-out bei Lehrpersonen und renitente Schüler: offenbar schon 1834 ein Thema.

Noch in weiteren Facetten wird sich Zürich an diesem Nachmittag und Abend zeigen. Ein Highlight ist die Lesung aus dem Kinderbuch «Die Turnachkinder im Winter» von Ida Bindschedler. Sie schildert das Abenteuer von Lotti, die von ihrem Bruder Werner in einer Kammer eingeschlossen wird und vergessen geht. Verzweifelt klettert sie aus dem Fenster über den Dachfirst. Das Besondere daran: Die Episode spielt nur wenige Meter vom St. Peter entfernt, in einem der Häuser am Weinplatz. Wer aus dem Turmfenster blickt, sieht das Haus, wo sich das verzweifelte Mädchen an den Blitzableiter klammerte.

 

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Blick vom St. Peter zu den Häusern am Weinplatz: Hier spielen die Geschichten der Turnachkinder. (Bild:ref.ch)

 

Ausklang mit Wurst

Nach dem dritten Auf- und Abstieg im St. Peter stellt sich allmählich etwas Müdigkeit ein. Die Rapper unten auf dem Platz haben ihre Koffer gepackt. Oben geht es gleich weiter mit Kurt Guggenbühls «Alles in Allem». Auch das ein Leckerbissen eines Autors, der wie kaum ein anderer mit der Stadt vertraut war. Etwas später am Abend wird auch noch St.Peter-Pfarrer Ueli Greminger lesen – aus Lavater.

Jetzt aber locken erst einmal die profaneren Genüsse. Einige Gehminuten vom St. Peter, in der Froschauergasse auf der anderen Seite der Limmat, fand 1522 das berühmte Wurstessen statt. Soweit muss man aber heute nicht gehen, um eine gute Bratwurst zu bekommen. Und eine solche darf man sich jetzt gönnen. Denn in Zürich ist der Wurstverzehr ja irgendwie auch eine Reverenz an die Stadt.