Jubiläumstagung «70 Jahre Bossey»

Vor 70 Jahren, am 5. Oktober 1946, wurde das Ökumenische Institut Bossey gegründet. Am vergangenen Wochenende fand deshalb in Bossey eine Jubiläumstagung statt.

Grossimam Ahmed-al-Tayyeb (Mitte), Rand rechts: GS Olav Fykse Tveit
Grossimam Ahmed-al-Tayyeb (Mitte), Rand rechts: Olav Fykse Tveit. (Bild: Esther R. Suter)

Robert K. Welsh, Co-Autor eines Buches über Bossey, nannte drei visionäre Pioniere der Bossey-Gründergeneration, unter anderen den Schweizer Adolf Keller, der erst in den letzten Jahren wieder im Bewusstsein der ökumenischen Bewegung auftauchte: Als Gründer des Kirchenbundes und als Flüchtlingspfarrer hegte er, aus seinen Erfahrungen der interkirchlichen Hilfe heraus, die Vision eines ökumenischen Instituts.

So schlug er 1928 vor, dass führende Denker und Studenten unterschiedlicher Konfessionen und Kontinente sich in einer Form gemeinsamen Wohnens, Lebens und Lernens zusammen finden sollten: Denn «die Kirchen waren schlecht vorbereitet darauf, Agenten prophetischen Zeugnisses und priesterlicher Versöhnung zu sein in einer Welt des Kriegs».

Auf dem Weg in die Zukunft

Welsh nannte an der Feier im Schlösslein von Bossey einige Neuerungen für das 21. Jahrhundert, die entscheidend wurden für den Ausdruck «neues Bossey»: die Erweiterung des akademischen Programms in Zusammenarbeit mit der Universität Genf; die Zulassung von Studierenden aus Nicht-Mitgliedskirchen sowie der Einschluss von interreligiösen Begegnungen und interreligiösem Dialog ins institutionelle Leben.

Bossey-Direktor Jon Sauca erklärte anschliessend, dass sich die Zeiten geändert hätten und das Zusammenleben mit Menschen anderer Glaubensausrichtungen in vielen Teilen der Welt alltägliche Realität sei. Das sei eine Herausforderung an die christliche Identität wie auch für ein christliches Zeugnis in den neuen Kontexten. So sei es zum Entscheid gekommen, im Bossey-Curriculum, neben der ökumenischen auch eine interreligiöse Ausbildung aufzunehmen.

Interreligiöser Sommerkurs

Seit 2007 finde ein interreligiöser Sommerkurs zu «Building an Interfaith Community» statt für Angehörige der abrahamitischen Religionen. Sauca betonte: «Es geht darum, mehr übereinander zu erfahren, gemeinsam zu lernen, Stereotypen herauszufordern und zu überwinden. Jede Glaubensidentität soll vollständig respektiert und anerkannt werden.»

Drei Alumni jüdischer, muslimischer und christlicher Herkunft erzählten dann von ihren Erfahrungen: Emmanuel Wayi Mico, Pfarrer der presbyterianischen Kirche in Kamerun, nahm Bezug auf Boko Haram-Vorfälle im Norden von Kamerun und den Terror. Noch verheerender als der Terror des Krieges sei der Terror der Angst, verbreitet durch organisierte Propaganda. Er habe durchschaut, wie die Propaganda in seinem Land agiert, wie Stereotypen aufgebaut und Stigmata aufgedrückt würden.

Vortrag von Ahmed al-Tayyeb

Ein Kernstück des Jubiläums bildete der Vortrag von Ahmed al-Tayyeb, Grossimam und Scheich, zu «Friedensförderung und die Rolle der Religionen» auf Arabisch. Der Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen, Olav Fykse Tveit, führte Ahmed Al-Tayyeb als leitenden Kopf des Sunni-Islams in der Welt ein.

Der Grossimam betonte in seiner Rede, dass alle Formen von Terrorismus vom Islam abgelehnt werden und dass es gelte, deren wirkliche Ursachen zu finden, ausserhalb des Islams. Dazu nannte er Beispiele und Entwicklungen aus der westlichen Gesellschaft, welche Ungleichheit und gesellschaftliche Destabilisierung vorantreiben, wie auch die Philosophien eines «Kampfes der Kulturen» oder eines «Endes der Geschichte». Er prangerte den internationalen Waffenhandel an und kritisierte die Schwächung der UN-Charta der Menschenrechte.