«Journalismus, da hat’s mich hingezogen. Aber Pfarrerin?»

Die Zürcher Pfarrerin Stefanie Keller ist manchmal auch Schauspielerin. Ihre neueste Rolle: sie selbst. Ein Porträt.

Stefanie Keller während einer Probe.
Bühne oder Kanzel? Beides! Stefanie Keller während einer Probe. (Foto: notabene/Simon Härdi)

Sie hat ihn nicht. Den pastoralen Ton in der Stimme. Diesen Zwang, jedes Wort zu betonen, ihm ernsthafte Schwere zu verleihen. Ein Mödeli, das so manchen Seelsorger befällt. Nach kaum zwei Jahren im Pfarrberuf ist man noch immun. Aber einige ältere Berufskolleginnen von Stefanie Keller sind betroffen. Sie hats miterlebt, wie diese sich die Marotte auszutreiben versuchten.

Zusammen mit neun Pfarrkolleginnen und -kollegen steht die 31-Jährige derzeit auf der Theaterbühne. Und der Regisseur reagierte in all den Proben allergisch auf Klangfarben und Worthülsen, die er dem Sound kirchlicher Amtsträger zuordnet. Dabei geht es in diesem Stück eigentlich genau darum: um den Pfarrberuf und um jene, die ihn bekleiden.

Experimentierfeld Bühne

«7 Pfarrer» heisst das Theaterprojekt, dem sich Stefanie Keller angeschlossen hat und das ihr und all ihren Mitakteuren auf den Leib geschrieben ist. Seit Februar spielt die Laientruppe das Thema ihres eigenen Lebens und Schaffens vor Publikum. Acht Mal schon vor meist ausverkauften Rängen auf Bühnen in Aarau, Bern oder Winterthur; nach der Sommerpause mit weiteren Gastspielen im Kanton Zürich und Bern.

«Die Bühne ist für mich ein Experimentierfeld», sagt Stefanie Keller. Da seien die Grenzen viel weiter gesteckt, da wird möglich, was im Beruf und im Leben sonst nicht geht. Schon an der Mittelschule habe sie an Theaterprojekten mitgearbeitet, auch während des Theologiestudiums. Als Schauspielerin etwas präsentieren, das sei, wie jemandem ein Geschenk, ein Präsent zu machen. Das mache ihr Freude.

Neugier auf die grossen Fragen des Lebens

Ein Berufswunsch ist daraus für die gebürtige Zürcherin nie entstanden. Statt auf einer Bühne steht sie sonntags jeweils auf einer Kanzel, ist Gemeindepfarrerin in Russikon und in Zürich Neumünster. Und das hätte sie sich einst eigentlich auch nicht träumen lassen. «Journalismus, da hats mich hingezogen. Aber Pfarrerin?» Eigentlich kein Thema. Höchstens diese Neugier auf die grossen Fragen des Lebens, die sie in den letzten Jahren am Gymi und in der Abschlussarbeit beschäftigt haben. Eben dieses Dilemma der Berufswahl, die Frage, ob es denn wirklich zu ihr passe, Pfarrerin zu werden, das ist genau jener Part, den Stefanie Keller auf der Bühne in Szene setzt. Wie? Das müsse man sich eben im Theater von ihr vorführen lassen.

Dass sie sich in ihrer damals getroffenen Berufswahl heute wohl fühlt, das erleben ihre Gemeindemitglieder in Zürich und in Russikon im echten Leben: in den Gottesdiensten, den Seelsorgegesprächen oder in der Kinder- und Familienarbeit, die zu ihren Schwerpunkten zählt. «Als ich das Theologiestudium begann, stand noch nicht fest, dass mein Weg in den Pfarrberuf münden würde.»

Talar in weiss

Nach den ersten Praktika habe sie gespürt, dass es die Arbeit mit den Menschen sei, die sie fasziniere, ihre Fragen nach dem Leben und den Fragen nach Gott. Pfarrerin also, die Rolle ihres Lebens? «Im Moment bestimmt.»

Und der Talar – ihr Kostüm für das echte Welttheater? «Ich ziehe ihn gern an», sagt sie und tut es auf Wunsch auch für den Fotografen in ihrem Wohnzimmer. Das liturgische Gewand – massgeschneidert und aus weissem Tuch – gebe ihr Sicherheit, unterstreiche die Rolle, die sie im Gottesdienst ausfülle. Es steht ihr gut – auch ohne kirchliche Kulisse. Sie trägt es selbstverständlich, trägt es sicher. Fraglos: keine Verkleidung, kein Theater.

Christian Schenk ist Redaktor bei «notabene», der Zeitschrift für die Mitarbeitenden der Zürcher Landeskirche. Der Beitrag stammt aus «notabene» 7/2014.