Krieg im Nahen Osten

Palästinensische Christen in Bethlehem weigern sich zu hassen

Daoud Nassar besitzt im Westjordanland einen Weinberg. Doch israelische Siedler bedrängen ihn. Die Situation der palästinensischen Familie hat sich durch den Krieg verschärft.
Mit gewaltlosem Widerstand möchten palästinensische Christen nahe Bethlehem das eigene Land schützen. (Bild: Wikimedia Commons)

Die Regenzeit ist für die Nassars überlebenswichtig. Zwischen Dezember und März sammeln sie in grossen Zisternen jeweils Wasser für den Sommer. Die Familie besitzt nahe Bethlehem Land. Auf 42 Hektaren wachsen Oliven, Weintrauben, Mandeln und Feigen.

Daoud Nassar ist 54 Jahre alt und einer der Besitzer des Hofs. Er erzählt, dass dieses Jahr rund 800 neu gesetzte Olivenbäume bewässert werden müssen. Zweimal pro Woche gehe jemand von Baum zu Baum. «Für jeden Baum zwei Gläser», sagt er. «Und wir graben um die Bäume, damit die Feuchtigkeit in der Erde bleibt.»

Dass die Nassars im Winter Regenwasser sammeln müssen, damit die Früchte gedeihen, hat damit zu tun, dass sie Palästinenser sind. Rund um den Hof bauen Israelis Siedlungen, die zu Städten heranwachsen. Über 30'000 Siedler leben heute in Gusch Etzion – viele in Häusern mit eigenem Schwimmbad. Die benachbarten Nassars dagegen haben nicht einmal einen Wasseranschluss. Der Grund: Sie bekommen keine Baubewilligung.

Daoud Nassar bewirtschaftet 42 Hektaren Land, das seine Vorfahren vor über 100 Jahren kauften. (Bild: Flickr).

Die Situation für Palästinenser im Westjordanland ist schwierig. Seit dem Angriff der Hamas vor zwei Jahren umso mehr. Das israelische Militär kontrolliert das Land in der sogenannten Zone C, bestimmt, wann welche Strasse geöffnet ist und wer sie passieren darf. Ganze Städte werden abgeriegelt. Auch kommt es immer wieder zu Gewalt israelischer Siedler an palästinensischen Bauern.

Was die ohnehin prekäre Situation erschwert: Die Stadt Bethlehem ist seit Kriegsbeginn vor zwei Jahren praktisch erstarrt. Hunderttausende Touristen fehlen, entsprechend mangelt es an Arbeit, viele Bewohner sind verzweifelt.

Seit 34 Jahren vor Gericht

Die Nassars haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, ihre Heimat zu verteidigen. Und zwar mit gewaltlosem Widerstand. Statt ohne Bewilligung zu bauen wie die Siedler, versuchen sie es auf legalem Weg: Seit mittlerweile 34 Jahren kämpfen sie vor Gericht um die Anerkennung des Landes, das Daoud Nassars Grossvater vor über 100 Jahren erworben hat. Doch auch wenn die Sachlage klar zu sein scheint: das israelische Militär verzögert den Prozess seit Jahren (siehe Kasten).

Jahrzehntelanger Rechtsstreit

Die Familie Nassar ist im Besitz eines 42 Hektaren grossen Grundstücks an einem Hügel ausserhalb von Bethlehem. Anders als die meisten palästinensischen Bauern im Westjordanland verfügt die Familie über Dokumente, die das Land eindeutig als ihren Besitz ausweisen. Diese reichen bis ins Jahr 1916 zurück – damals regierten noch die Osmanen im Land.

2006 gab ihnen das oberste israelische Gericht recht – erteilte aber auch den Auftrag, das Land neu zu registrieren. Das taten die Nassars im Folgejahr. Seither warten sie auf eine offizielle Bestätigung des Landbesitzes, die auch Voraussetzung für Baubewilligungen ist. 2013 teilte man der Familie mit, die Dokumente seien verloren gegangen. 2015 reichten sie den Antrag erneut ein. Seither warten sie auf Antwort der Militärbehörde. (eba)

Die Nassars erleben nach eigenen Aussagen nicht alleine Schikane, sondern auch handfeste Auseinandersetzungen. Sie seien mehrfach körperlich angegriffen worden, erzählt Daoud Nassar. Bedrohungen seien an der Tagesordnung. Wie ein solches Rencontre abläuft, schilderte die New York Times voriges Jahr. Die Siedler seien über den Zaun geklettert und hätten gesagt, die Nassars dürften hier nicht arbeiten. «Wie kommen Sie auf die Idee, dass das Ihr Land ist?», habe Daoud Nassars Tochter gefragt. Die Siedler antworteten: «Gott hat es uns gegeben.»

Nassar sagt auch, dass die Siedler schon mehrmals Olivenbäume gefällt hätten. Hunderte Bäume wurden schon vernichtet – ein herber Verlust, denn bis die Bäume Früchte tragen, dauert es rund zehn Jahre. Die letzte Eskalation war, als die Israelis vor einem Jahr damit begannen, eine Strasse mitten durch ihr Land zu bauen.

«Wir wollen keine Opfer sein»

Die Nassars sind palästinensische Christen. Daoud Nassar sagt, dass der Glaube «der Motor» sei, warum sie noch nicht aufgegeben hätten. «Wir glauben an Gerechtigkeit, auch wenn der Weg lang und schwer ist», sagt er. «Das ist eines unserer vier Prinzipien.» Die anderen drei: «Wir wollen keine Opfer sein», «Wir weigern uns zu hassen» und «Wir handeln aus unserem christlichem Glauben heraus.»

Seine Familie habe gelernt, negative Energie in positive Projekte umsetzen zu können, sagt er. «Man kann immer etwas tun und ist verantwortlich für sein eigenes Handeln.» Nachdem die Siedler Olivenbäume zerstört hatten, pflanzten die Nassars pro zerstörtem Baum zehn neue.

Internationale Gäste als Schutz

Dass die Nassars, im Gegensatz zu vielen vertriebenen palästinensischen Nachbarn, überhaupt noch da sind, hat einen weiteren Grund. Vor 20 Jahren gründete Daoud Nassar das Friedensprojekt «Tent of Nations» («Zelt der Nationen»).

Die Idee: Die Familie lädt Touristen auf den Hof ein und lädt Freiwillige dazu ein, auf dem Hof mitzuarbeiten. «Die internationalen Gäste sind unser Schutz», sagt Daoud Nassar. Träfen sie auf Ausländer, hielten sich die Siedler zurück.

Auf dem Hof veranstaltet das Zelt der Nationen auch Sommerlager für Kinder aus Bethlehem sowie Frauenförderungskurse. Ob diese angesichts der Kriege statt finden können, ist allerdings unsicher.

Nassar hofft, dass trotz der schwierigen Lage weiterhin Freiwillige anreisen werden. Im Herbst steht die Ernte von Trauben, Feigen und Oliven an. Wobei die Arbeit zweitrangig sei. «Unsere Gäste sind unsere Lebensversicherung. Und wir brauchen auch ihre moralische Unterstützung.»

Redaktioneller Hinweis: Das «Zelt der Völker» hat einen Schweizer Freundeskreis, der die Familie Nassar unterstützt. Zu den Mitgliedern des gemeinnützigen Vereins gehören auch viele reformierte Kirchgemeinden.

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