«Bei den Reformierten haben Smartphone-Gottesdienste Platz»

In Deutschland laufen erste Versuche für einen «smarten» Gottesdienst. Kirchenbesucher können dem Pfarrer mit ihrem Handy direkt Fragen zur Predigt schicken. Auch der reformierte Pfarrer Markus Giger hat in der Zürcher Streetchurch bereits mit dieser Gottesdienstform experimentiert. Er sagt: Das funktioniert gut – allerdings nur, wenn der Pfarrer keine One-Man-Show abzieht.

Markus Giger, Leiter der Streetchurch in Zürich. (Bild: zvg)

Herr Giger, Hand aufs Herz: Haben Sie während eines Gottesdienstes auch schon heimlich auf Ihr Smartphone geschaut?
(lacht laut). Man soll ja nicht lügen und ein Pfarrer schon gar nicht. Deshalb: Ja, das habe ich auch schon. Als das Handy in der Hosentasche vibrierte und ich nicht widerstehen konnte, die Whatsapp-Nachricht zu lesen. Oder als ich während des Gottesdienstes gelangweilt war. Das kommt auch beim Pfarrer vor.

 

In Deutschland sollen in einem Pilotprojekt Kirchenbesucher während des Gottesdienstes ihr Handy zücken und dem Pfarrer Fragen und Anregungen zur Predigt schicken. Was halten Sie von dieser Idee?
Das haben wir selber auch schon bei uns in der Streetchurch ausprobiert. 400 bis 500 Konfirmanden nahmen während des Gottesdienstes daran teil. Wir wollten sie miteinbeziehen.

 

Wie hat das funktioniert?
Die Konfirmanden konnten über ihr Smartphone Fragen schicken, die sie beschäftigten. Diese wurden von einer Regie selektioniert und dann auf einem grossen Screen aufgeschaltet. Der Pfarrer konnte die Fragen direkt beantworten. Das Ganze wurde von einem Moderator begleitet, der auch mal kritisch beim Pfarrer nachhakte. Das ist ganz wichtig. Einfach den Pfarrer eine One-Man-Show abziehen lassen, funktioniert bei diesem Format nicht. Es braucht den Moderator, der auch Spannung erzeugt.

 

Welche Fragen stellten die Konfirmanden?
Da sie anonym Fragen stellen konnten, waren diese sehr persönlich. Sexualität spielte eine grosse Rolle. Es kamen Fragen wie «Was sagt die Kirche zu Homosexualität» oder «Was sagt die Kirche zu Sex vor der Ehe?».

 

Will man mit solchen Aktionen nicht etwas zu verkrampft neumodisch und cool sein?
Man muss sich schon gut überlegen, wo man diese spezielle Form des Gottesdienstes einsetzen will. Bei den Konfirmanden hat das gut funktioniert. Bei einem durchschnittlichen Zürcher Gottesdienst glaube ich nicht, dass das klappt. Dort hat das Stammpublikum ganz andere Erwartungen an einen Gottesdienst.

 

Sollte die Kirche nicht eine der letzten Smartphone-freien Bastionen sein?
Ich plädiere immer für Wildwuchs und Vielfalt. Es gibt ja genügend klassische Gottesdienste, bei denen keine Smartphones zum Einsatz kommen. Deshalb verträgt es durchaus den einen oder anderen Smartphone-Gottesdienst. Es ist ja auch schön, dass wir in unserer reformierten Tradition Platz für solche Experimente haben. Wir haben gute Erfahrungen mit dem Smartphone-Gottesdienst gemacht.