Ich weiss noch genau, wann ich mir das erste Tattoo habe stechen lassen. Das war vor rund zehn Jahren als Theologiestudent. Ich hatte gerade eine schwierige Zeit, und da kam der Wunsch nach einer Tätowierung auf. So habe ich ein Motiv entworfen, nämlich das traditionelle Sacré-Cœur (Herz mit Flamme) und dazu den Schriftzug «beloved» (geliebt). Die Idee war, dass ich am Morgen, wenn ich in den Spiegel schaue, daran erinnert werde, von Gott geliebt zu sein. Das ist wie ein Post-it unter der Haut.
Das hat mich geprägt und auch bei weiteren Lebensabschnitten eine Rolle gespielt. Bei wesentlichen biographischen Einschnitten habe ich mir jeweils ein Motiv gesucht und tätowieren lassen. Zum Beispiel habe ich auch einen hebräischen Vers aus dem Buch Numeri auf dem Oberarm. Oft hat dieses Ritual den Abschluss einer Entwicklung markiert.
Insgesamt sind es fünf Motive auf Brust und Oberarmen, und immer haben sie einen religiösen Bezug, denn es sind Themen, denen ich mich in meiner Glaubensentwicklung gestellt habe.
Man muss sich darüber klar sein, dass das Tätowieren auch eine Verletzung des Körpers ist. Wenn man da ein paar Stunden lang auf dem Schragen des Tätowierers liegt, dann macht das etwas mit einem. Es ist ein Prozess, durch den etwas Neues entsteht. Für mich ist es wohl eine Art Passageritual. Diese Markierungen sind Teil meiner Geschichte, die ich sichtbar auf meinem Körper trage. Rückblickend kann ich sagen: Meine erstes Tattoo war wirklich ein Wendepunkt – im Persönlichen, im Gottesbild und in der Berufsausrichtung.
Heute bin ich Jugendpfarrer und Gefängnisseelsorger. Aber das war mit Umwegen verbunden. Weil meine Eltern Sigristen waren, lag die Kirche für mich immer nahe. Später habe ich mich in der Jugendgruppe einer Freikirche engagiert, vor allem im musikalischen Bereich.
Nach zwei Semestern Pädagogikstudium bin ich ausgestiegen und wollte einfach arbeiten. Ich war für eine Pensionskasse tätig, offenbar auch talentiert, und wollte die Ausbildung zum Buchhalter machen. Nach zwei Jahren habe ich dann aber doch an einen alten Wunsch angeknüpft und Theologie studiert.
Den Schwerpunkt in meinem Jugendpfarramt bilden die Konfirmanden. Jedes Jahr führe ich drei Konfirmandenklassen. Ausserdem bin ich für die Jugendkirche auf der Oberstufe, mit Jugendgottesdiensten und anderen Angeboten, verantwortlich. Dabei hilft mir auch meine Leidenschaft für die Musik – damit meine ich Rock und Pop. Selbst spiele ich Gitarre in einer Jugendband.
Auch gesamtkirchlich engagiere ich mich. Seit vier Jahren bin ich Synodaler und versuche im kirchlichen Parlament ein kritisches Licht auf Mechanismen und Automatismen in den Strukturen zu werfen. Mir ist es wichtig, authentisch zu sein, auch wenn das für meine Umgebung und mich nicht immer bequem ist. Doch in der Kirche sollten wir ehrlich miteinander umgehen.
Dieser Text wurde in der Reformierten Presse vom 6. März 2015 erstmalig publiziert.