«Ich würde mir mehrere reformierte Bischöfe wünschen»
Brauchen wir einen Bischof? Diese Frage wird bei den Schweizer Reformierten kontrovers diskutiert. Patrick Streiff, Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche in Mittel- und Südeuropa, erzählt im Gespräch mit Fabian Kramer über seine Erfahrungen im hohen Amt – und bedauert den «Kantönligeist» in den Landeskirchen.
Patrick Streiff (59) leitet seit 2005 von Zürich aus die Evangelisch-methodistische Kirche in 16 Ländern. Sein Bischofsgebiet reicht von Belgien bis Mazedonien, von Polen bis Algerien. (Bild: Siegmar Friedrich)
Herr Bischof, wie fühlt man sich als protestantischer Würdenträger?
Es ist schon etwas Ungewöhnliches im mitteleuropäischen Umfeld, in dem ich unterwegs bin, Bischof zu sein – ausser dort, wo es mehr Lutheraner hat. Man findet selten einen protestantischen Kollegen in derselben Position, und wenn, dann nur bei kleinen Minderheiten, wo er fast ein Unikum ist.
Müssen Sie Ihr Amt öfters mal erklären?>
Im zwischenkirchlichen Bereich wenig. Aber in unserer eigenen Kirche kommt das durchaus vor. Wenn ich zum Beispiel in Frankreich bin, wo das antiklerikale Gefühl relativ stark ist, wo unsere Kirche mehr vom Evangelikal-Freikirchlichen her geprägt wird, gibt es manchmal die erstaunte Reaktion: Ein Bischof, das ist doch etwas Katholisches!
Und wie antworten Sie darauf?>
Nun, ich sage dann meistens: «Bischof» ist immerhin ein biblischer Titel. (lacht)
Es gibt unter den Kirchen methodistischer Tradition solche mit und solche ohne Bischof. Woher kommt dieser Unterschied?>
Es gibt den britischen Zweig, der von Anfang an nicht bischöflich war, auch aus negativen Erfahrungen mit anglikanischen Bischöfen heraus, und den amerikanischen Zweig, der stets bischöflich war.
Sie sagen aber, dass man eine zunehmende Tendenz Richtung Bischofsamt beobachten kann.>
Ja, in Afrika und Asien gibt es immer mehr methodistische Kirchen, die aus der britischen Tradition kommen und nach der Erlangung der Unabhängigkeit das Bischofsamt übernommen haben. In England gibt es ebenfalls entsprechende Diskussionen.
Woran liegt das?>
Ich denke, es hat etwas mit dem ökumenischen Umfeld zu tun. Die Person, die eine Leitungsfunktion ausübt, ist in allen klassischen Kirchen der Bischof.
Doch bei Ihnen gibt es keine Ordination und keine apostolische Sukzession. Handelt es sich da nicht mehr um einen symbolischen Titel?>
Es ist in unserer Tradition kein dritter Stand neben Diakonen und Pfarrern, das stimmt, sondern ein Leitungsamt unter den Pfarrern, das stark funktional verstanden wird. Wenn jemand vor Erreichen des Ruhestands zurücktritt, wird er wieder normaler Pfarrer.
«Wenn ich als Bischof mit einem Religionsminister zusammensitze, dann ist das eine völlig andere Beziehung, als wenn ich Präsident der evangelisch-methodistischen Zentralkonferenz von Mittel- und Südamerika wäre.»
Sie persönlich sind auf Lebenszeit gewählt. Das klingt nicht sehr demokratisch.
Das ist je nach Gebiet unterschiedlich. Bei uns dauert die erste Amtszeit vier Jahre, bevor man endgültig gewählt wird. In Deutschland gibt es eine Beschränkung auf insgesamt zwölf Jahre. Auf den Philippinen haben wir im Moment ein System, dass Bischöfe alle vier Jahre wiedergewählt werden müssen. Die Erfahrungen damit sind sehr zwiespältig. Es gibt eine Tendenz zur Politisierung der Wahlen. Wenn man wiedergewählt werden muss, geht man unter Umständen gewisse «heisse Eisen» nicht an.
Worin unterscheidet sich Ihre Tätigkeit denn eigentlich von derjenigen eines Kirchenratspräsidenten?>
Am stärksten ist der Unterschied in der Frage der Personalverantwortung. Der methodistische Bischof ist dafür zuständig, den Pfarrpersonen ihren Dienst in einer Kirchgemeinde zuzuweisen, nicht die Kirchgemeinde selbst. Das ist vielleicht unsere «katholischste Note» im Vergleich mit einem reformierten Umfeld.
Könnte es sein, dass die Methodisten da ein positiveres Verständnis von Führung haben als die Reformierten, die eher antiautoritär eingestellt sind?>
Es wäre interessant, wenn Sie die gleiche Frage einem reformierten Bischof in Ungarn oder Serbien stellen würden. (lacht) Dann wäre wahrscheinlich die Antwort anders. Es gibt eine Überlappung von konfessioneller Identität und kulturell-gesellschaftlicher Identität. Unsere basisdemokratische Gesinnung in der Schweiz beeinflusst die Art und Weise, wie wir die konfessionelle Identität sehen. Die reformierten Kirchen hierzulande sind ganz anders als in Ungarn oder Serbien, genauso wie die methodistische Kirche auch.
Werden Sie in Ländern Osteuropas oder Nordafrikas, die zu Ihrem Zuständigkeitsbereich gehören, mit mehr Respekt behandelt, weil Sie Bischof sind?>
Ja, auf jeden Fall. Wenn ich irgendwo mit dem Religionsminister zusammensitze, ergibt sich eine völlig andere Beziehung, wenn ich Bischof bin, als wenn ich als Präsident der evangelisch-methodistischen Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa kommen würde. Da erlebe ich manchmal lustige Situationen.
Erzählen Sie uns ein Beispiel.>
Ich war kürzlich an einer Ordensverleihung in Österreich mit zahlreichen Ehrengästen. Da wurde ich direkt nach dem ehemaligen Landeshauptmann an zweiter Stelle begrüsst, allein aufgrund meines Amts. Ich war darauf gar nicht gefasst, so dass die Kollegin neben mir mich auffordern musste: «Bischof, aufstehen!» Auch in der Schweiz gibt es entsprechende Rangfolgen bei offiziellen Terminen.
Das heisst, Sie würden an einem solchen Anlass vor dem SEK-Präsidenten Gottfried Locher genannt?>
In der Schweiz vermutlich nicht, weil man hier Bescheid weiss. Aber in einem anderen Land sicher. Dort, wo ein Bewusstsein für christliche Kirchen da ist, geht es nach den traditionellen christlichen Bezeichnungen. Da würde es auch nichts helfen, wenn man «Antistes» hiesse, weil das niemand kennt. (lacht)
Jetzt zur Gretchenfrage: Empfehlen Sie den Reformierten, das Bischofsamt ebenfalls einzuführen?>
Ich könnte mir das gut vorstellen und würde es auch begrüssen. Aber das müssen die reformierten Kirchen selber entscheiden.
Wie stellen Sie sich die Ausgestaltung eines solchen Amts konkret vor?>
Wenn man das methodistische Modell übertragen würde, gäbe es mehrere reformierte Bischöfe in der Schweiz. Die einen wären vielleicht Bischof in einem grossen Kanton wie Zürich oder Bern, die anderen für mehrere Kantone miteinander. Sie würden gemeinsam ein Bischofskollegium bilden – und von Zeit zu Zeit den Kanton wechseln.
«Ich wünsche mir, dass es auch für die Reformierten möglich wäre, aus der Begrenzung auf die eigene Ortsgemeinde oder den eigenen Kanton herauszukommen.»
Den Kanton wechseln, warum dies?
Es entspricht der methodistischen Tradition, dass auch Bischöfe Dienstzuweisungen erhalten. Sie werden anfangs sogar bewusst ausserhalb ihres Herkunftsgebiets platziert. In Ländern mit mehreren methodistischen Bischöfen wie den USA wechseln sie ab und zu ihren Zuständigkeitsbereich. Das hat etwas mit dem System von Reisepredigern zu tun, aus dem wir entstanden sind. In meinem Fall ist das anders, weil das Gebiet von Mittel- und Südeuropa so riesig ist, dass der Bischof sowieso ständig herumreist.
Was ist der Vorteil dieser regelmässigen Personalwechsel?>
Die Bischöfe haben stärker eine Aufgabe für die Einheit der Kirche und leben weniger das «Geschmäckli» ihrer eigenen Herkunft aus. Es geht um den weiteren ökumenischen Horizont. Ich würde mir wünschen, dass es auch für die Reformierten möglich wäre, aus der Begrenzung auf die eigene Ortsgemeinde oder den eigenen Kanton herauszukommen. Für mich ist es eine der schönsten Anerkennungen als Bischof, wenn ich von Kirchenmitgliedern im Ausland gar nicht als Schweizer, sondern als einer der Ihren wahrgenommen werde.
Würde es nicht den reformierten Strukturen widersprechen, wenn der Bischof von Zürich plötzlich die aargauische Landeskirche übernehmen müsste?>
Er wäre eben nicht Bischof von Zürich. Das ist der Knackpunkt. Er wäre Bischof der reformierten Kirche und nicht an einen Kanton gebunden. Nur gibt es die reformierte Kirche nicht über diese Grenzen hinaus. Da ist der «Kantönligeist» in den reformierten Kirchen noch sehr stark.
Und wenn nur der SEK-Präsident einen Bischofstitel erhielte?>
Da stellt sich für mich die Grundfrage, wie man damit umgehen soll, dass der SEK-Präsident keinen direkten Leitungsauftrag für eine Kirche hat. Traditionell ist es so, dass ein Bischof immer eine verfasste Kirche leitet. Aus methodistischer Sicht wäre deshalb die Idee mehrerer Bischöfe naheliegender, die miteinander die Funktionen wahrnehmen würden, welche die Kirchenratspräsidenten bisher wahrnehmen, und gleichzeitig im Turnus die Versammlung der evangelischen Kirchen in der Schweiz präsidieren würden.