«Ich machte die Rush Hour meines Lebens durch»

Theologie ist für ihn die Wissenschaft vom Leben schlechthin. Die Nähe zu Tod und Behinderung kennt Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich, aus eigenem Erleben. Geholfen hat ihm auch sein appenzellischer Humor. Ein Porträt.

Ralph Kunz.
Ralph Kunz. (Bild: ref.ch/Robert Huber, Universität Zürich)

Vor ein paar Tagen ist er von einer Studienreise aus Schottland zurückgekehrt: «Kirche im Loch Ness. Ekklesiologie auf dem Whisky-Trail» – ein Titel mit Augenzwinkern. Und charakteristisch für Theologieprofessor Ralph Kunz, der jetzt, in aller Herrgottsfrühe und hemdsärmelig, in seinem altehrwürdigen Büro an der Kirchgasse sitzt. Die Reise galt denn auch nicht dem Spirituosenstudium, sondern dem Austausch mit den wichtigsten theologischen Fakultäten Schottlands. Und es sei eine Reise in die Zukunft gewesen: «Schottland säkularisiert sich stark, die presbyterianische Kirche hat in den letzten 30 Jahren massiv Mitglieder verloren.» In der Schweiz seien wir noch nicht ganz so weit.

Seit zehn Jahren ist Ralph Kunz nun Professor für Praktische Theologie. Er forscht hauptsächlich über neue Gottesdienstformen und über religionsbezogene Gerontologie. Er ist ein scharfsinniger Beobachter. Viele Kirchgemeinden, stellt er fest, hätten etwas Beliebiges – «wie lauwarmer Minzentee.» Bereiten ihm die leeren Kirchen schlaflose Nächte? Solche Schlagzeilen, relativiert er, bezögen sich auf die Zahl der Gottesdienstbesucher. Die Tradition des sonntäglichen Kirchgangs sei heute «weggewaschen» genauso, wie es auch die Normbiographie nicht mehr gebe. «Wer heute in den Gottesdienst geht, ist intrinsisch motiviert, weil er sich nahe und spirituell dicht angesprochen fühlt. Das wird so bleiben.»

Raus aus den Studierstuben!

Nüchtern betrachtet, sehe die Situation der Zürcher Kirche gar nicht so himmeltraurig aus, sagt Kunz. Die Zahl der Theologiestudierenden steige stetig leicht an und sei heute wieder auf dem Stand der 1980er-Jahre. Zur positiven Entwicklung habe auch die Integration der Religionswissenschaft beigetragen. Doch Bologna, kritisiert der Professor, mache die Studierenden zu lebensfernen Wissenskonsumenten. «Ab und zu müssen wir hinaus aus den Studierstuben!», fordert er. Für den Winter hat er ein Haus in den Bergen gemietet. Dort führt er ein fünftägiges Blockseminar durch. Man wird gemeinsam kochen, diskutieren, Skifahren. 15 Studierende haben sich angemeldet. «Freiwillig. Das motiviert.»

Ralph Kunz ist ein Macher. Er strahlt Empathie aus, ist ein guter Zuhörer und seine Sprache metaphernreich, bei Bedarf auch mal salopp. Er lacht oft, gerne auch über sich selbst. Lebensnähe ist ihm wichtig. Aber auch Wissenschaftlichkeit. Seine Studierenden sollen komplizierte Sachverhalte so auf den Punkt bringen können, dass jeder sie versteht. Aufgeblasenheit und Erbsenzählerei schlagen ihn in die Flucht.

Er wollte Bauer werden

Als Bub wollte Ralph Kunz Bauer werden. Seine Mutter sei «Appezöllerin» gewesen, eine Familie aus Bauern und Pfarrern, offen und fortschrittlich. Seine eigene kirchliche Sozialisation sei nüchtern verlaufen, «eine freundliche Distanz zum Betrieb.» Sein Vater und alle drei Brüder sind Bänkler. Als Akademiker und gar Theologe, scherzt Kunz, sei er das schwarze Schaf der Familie. Sein Ausscheren begann im Gymnasium. Dort lernte er einen Mitschüler kennen, dessen Vater, früher Missionar in Kamerun, war Pfarrer in einem Zürcher Aussenquartier. Diese pfingstlich-charismatischen Predigten hätten ihm den Ärmel reingenommen: «Es war ein persönliches Entdecken des Wahren, Guten, Heiligen.» Aus einem produktiven Missverständnis heraus habe er dann Theologie studieren und Gemeindepfarrer werden wollen.

Mit 19 Jahren Krebsdiagnose

Doch kurz nach Studienbeginn erkrankte Ralph Kunz schwer an Krebs. Draussen war Mai, Aufbruch. Es zerriss ihn fast. «Mit 19 zu sehen: Jetzt geht es zu Ende, das hat mich stark geprägt.» Noch Jahre später sei eine Angst geblieben und das Gefühl: Es kann dich jederzeit treffen. Auch die Erfahrung von Behinderung ist dem Theologen vertraut. Er hat eine ererbte Form fortschreitender Schwerhörigkeit. Mit 30 war das Handicap so gravierend, dass er sich für ein Cochlea-Implantat entscheiden musste: Eine gut sichtbare Hörprothese, welche direkt auf die Hörnerven wirkt. Es sei «eine berufsrettende Sofortmassnahme gewesen, aber auch eine gewisse Stigmatisierung.»

Er weiss also um die existenziellen Ängste, welche besonders Hochbetagte umtreiben können. Alte Menschen empfindet er als sehr interessant, «weil ihr Topf an Erfahrungen so voll ist.» Einer seiner Forschungsschwerpunkte gilt denn auch der Religionsgerontologie, einer Schnittstelle zwischen Praktischer Theologie, Religionspsychologie und Gerontologie: Spiritualitätsforschung, die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Leidens, welche für alle Menschen bedeutungsvoll sind. Und die Anwendung: Wie kann man Menschen in existenziellen Schwierigkeiten sinnvoll begleiten? Seelsorge also.

Umso mehr freut er sich, dass voraussichtlich im Frühling 2015 an der Theologischen Fakultät eine Professur ad personam für Spiritual Care entsteht. Ein grosser Teil der Lehre soll im Mantelstudium der Medizinerinnen und Mediziner integriert werden. Diese Zusammenarbeit sei in dieser Form neu für die Schweiz. Und ausbaufähig. Ein weiterer Schritt könnte die Integration von Spiritual Care in der ersten Phase der Berufszeit sein. «Letztlich», sagt Kunz, «geht es um eine gemeinsam verantwortete Betreuung, die mit einem ganzheitlichen Blick nahe beim kranken Menschen ist.»

Zwei Goldschätze

Dieses Jahr wird Ralph Kunz 50. Er fühlt sich ein wenig erschöpft. In den letzten Jahren war er Dekan, Pro-Dekan, sass in unzähligen Kommissionen, publizierte, übernahm Herausgeberrollen. Und als brillanter Redner hielt er im Wochentakt Vorträge in den Gemeinden: «Ich machte die Rush Hour meines Lebens durch.» Ohne seine Familie, sagt er, hätte er längst in einen Burn-out. Die Familie: Das sind seine Frau und die beiden Töchter Flurina und Annalea. Ihre Porträts stehen auf dem Fenstersims. Sie zeigen zwei strahlende Mädchen, zwölf- und zehnjährig. «Zwei Goldschätze», sagt Kunz mit leuchtenden Augen.

Er will jetzt «ein einjähriges Fasten ausrufen»: Keine Vorträge mehr. Dafür endlich Zeit haben zum Bücherschreiben. Er möchte dem Gemeindeverständnis nachforschen, das stark geprägt sei von der Zürcher Reformation, aber auch mit dem helvetischen Hintergrund zusammenhänge. Eine ausgeprägte Kultur von unten nach oben. Doch diese Kommunen seien heute gefährdet – nicht nur die kirchlichen, sondern auch die Schul- und die politischen Gemeinden. «Es geht um den Zusammenhalt, um ganz Grundsätzliches.» Schreiben will er auch über Spiritualitätsforschung. Er denkt darüber nach, gemeinsam mit anderen ein European Center for Spiritual Studies mit Sitz an der UZH zu gründen.

Theologie: Fluchtweg für Sandalenmystiker?

Eigentlich hätte er sein Sabbatical gerne in Princeton verbracht, wohin er gute Kontakte hat. Seine Familie, die heranwachsenden Töchter, so lange allein zu lassen, bringe er aber nicht übers Herz. Nun plant er kürzere USA-Aufenthalte. Ansonsten bleibt er im Lande. Eine oder zwei Wochen will er schreibend und lesend in einem Kloster verbringen. Und so oft wie möglich hinaus in die Natur.

Doch etwas erfülle ihn mit Sorge, sagt er beim Abschied: Im heutigen Wissenschaftsbetrieb werde die Theologie oft als Exotik, als Fluchtweg für Sandalenmystiker oder eine weitere Form von spekulativer Philosophie betrachtet und oft von Forschungsgeldern ausgeschlossen. «Aber hey», sagt er leidenschaftlich, «Theologie ist die Wissenschaft vom Leben schlechthin.» Das müsse wieder gewürdigt werden.

Text: Paula Lanfranconi. Abdruck mit freundlicher Genehmigung aus dem «Magazin der Universität Zürich», Nummer 4/14.