US-Medien und ihre Zurückhaltung bei Religions-Satire

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut in den Vereinigten Staaten und im ersten Zusatzartikel der US-Verfassung verankert. Dementsprechend gross war die Solidarität mit der französischen Satire- Zeitschrift «Charlie Hebdo» nach dem blutigen Anschlag eines islamistischen Bruderpaars, das sich offenbar für Mohammed-Karikaturen rächen wollte. Die Medien in den USA sind selbst aber zurückhaltend bei der Religionskritik.

Die US-Serie «South Park» feuert regelmässig humoristische Breitseiten gegen Glaubensgemeinschaften ab. In ihrer Radikalität ist die US-Religionssatire aber weit von einem Magazin wie «Charlie Hebdo» entfernt. (Bild: Wikimedia)

Während Zeitungen und Zeitschriften in Frankreich und anderen europäischen Ländern die Karikaturen über den muslimischen Propheten nachdruckten, verzichteten die «New York Times», die «Washington Post» und der Fernseh- Nachrichtensender CNN auf die Veröffentlichung der umstrittenen Zeichnungen, um keine religiösen Gefühle zu verletzen. Politik-Professor Robert Speel von der Universität Penn State Erie sieht die Ursache der Selbstzensur in der traditionell stärkeren Religiosität in den USA. «Kritik an bestimmten religiösen Glaubensinhalten und Praktiken gilt in der amerikanischen Gesellschaft als Tabu», sagt er. Speel erinnert an die Rolle, die religiös Verfolgte aus Europa bei der Besiedlung des späteren US-Staatsgebiets spielten. Dies präge noch heute den respektvollen Umgang mit den verschiedenen Religionen.

Religionsfreiheit an oberster Stelle

Der Professor erzählt, dass Studenten in seinen Vorlesungen die strengen Gesetze in Frankreich zur Verbannung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum grösstenteils ablehnen. «Für amerikanische Studenten kommt an erster Stelle die Religionsfreiheit», sagt er. Dabei schuf der Oberste Gerichtshof der USA in einem Grundsatzurteil aus dem Jahr 1988 einen weitreichenden Spielraum für Religions-Satire. Der Supreme Court stellte sich damals auf die Seite des Magazins «Hustler», das einen prominenten evangelikalen Prediger aufs Korn nahm. Der «Hustler»-Text beschrieb, wie der Geistliche Jerry Falwell in einem Klohäuschen mit seiner betrunkenen Mutter zum ersten Mal Sex gehabt habe. Auch heute gehen einige US-Medien aus Sicht vieler Gläubiger bis mindestens an die Schmerzgrenze. Die Zeichentrickserie «South Park» feuert regelmässig humoristische Breitseiten gegen verschiedene Glaubensgemeinschaften ab, und der bekennende Atheist Bill Maher nimmt in seiner Fernsehsendung auf dem Pay-TV- Kanal HBO beim Thema Religion kein Blatt vor den Mund.

Satire ja, aber vorsichtiger

Die USA haben Satire-Zeitschriften wie «Mad» und «The Onion» – ein ähnlich radikales Druckwerk wie «Charlie Hebdo» existiert aber nicht. Der Journalist Tony Norman von der «Post-Gazette» aus Pittsburgh glaubt, dass die Menschen in den USA «zu vorsichtig sind, religiöse Sensibilitäten zu verletzen». Speel erklärt, dass die Meinungsfreiheit in den Vereinigten Staaten vor allem mit Blick auf den Schutz von Minderjährigen Grenzen habe. Obszöne Begriffe werden im US-Fernsehen etwa durchgehend mit einem Piepton unkenntlich gemacht. (sda)