Zum Tod von Benedikt XVI.

Grosser Denker, streitbarer Theologe

Weltweit gedenken Politiker und Geistliche des am 31. Dezember verstorbenen Joseph Ratzingers. Die Reaktionen machen die grossen intellektuellen Fähigkeiten des ehemaligen Papstes deutlich. Sie zeichnen aber auch das Bild eines konservativen Katholiken, welcher der Ökumene kaum Fortschritte brachte.

Ein Foto des emeritierten Papsts Benedikt XVI. steht neben Rosen und einer Kerze im St. Marien-Dom in Hamburg. (Bild: Marcus Brandt/dpa/Keystone)

Die katholische Kirche und viele Gläubige auf der ganzen Welt gedenken des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Der am Silvestermorgen gestorbene frühere Pontifex sei eine «so edle, so sanfte Person» gewesen und ein Geschenk für die Kirche, sagte Papst Franziskus am Samstagabend über seinen Vorgänger. Während er als Oberhaupt der Katholiken am Neujahrstag mit einer Messe das Jahr einläutet, laufen im Vatikan bereits die Vorbereitungen für die Trauerfeierlichkeiten und die Beisetzung Benedikts.

Am Sonntag werden die sterblichen Überreste des gebürtigen Bayern noch im Kloster Mater Ecclesiae behalten, das er seit 2013 bewohnt hatte und in dem er nun starb, ehe sie in den Petersdom kommen. Dort wird Benedikt von Montag bis Mittwoch aufgebahrt. Am Donnerstag folgen dann die Trauerfeier auf dem Petersplatz und die Beisetzung an der Seite anderer Päpste in der Krypta unterhalb der Petersbasilika.

Zu dem Requiem am Donnerstag werden in Rom bis zu 60'000 Besucher erwartet. Von Montag bis Mittwoch dürften demnach täglich bis zu 35'000 Gläubige in den Petersdom kommen. Die Trauerfeiern für Papst Johannes Paul II. hatten 2005 ganz andere Dimensionen: Damals wollten mehrere Millionen Pilger in Rom dabei sein. Benedikt selbst wünschte sich bescheidene Feiern.

Lob und Kritik

Weltweit erinnerten Politiker und Geistliche an den Deutschen, der von 2005 bis 2013 Papst gewesen war, nachdem er schon mehr als zwei Jahrzehnte lang der mächtigen Glaubenskongregation vorgestanden hatte. «Papst Benedikt XVI. wird als einer der ganz grossen Denker unseres Zeitalters in die Geschichte eingehen und als der Gelehrtenpapst auf der Cathedra Petri», sagte Kardinal Gerhard Ludwig Müller der Deutschen Presse-Agentur. Kardinal Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising, würdigte ihn als «Identifikationsfigur».

«Die Begeisterung war riesig, dass nach Jahrhunderten wieder ein Deutscher Papst geworden ist.»
Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Joseph Ratzinger, wie sein bürgerlicher Name lautete, wurde in Oberbayern geboren und am 19. April 2005 als Nachfolger von Johannes Paul II. zum Papst gewählt – als erster Deutscher seit etwa 480 Jahren. In seinem Pontifikat führte Benedikt den konservativen Kurs seines Vorgängers fort. Er stemmte sich gegen eine Modernisierung der Kirche, was ihm viel Kritik einbrachte. Seine Amtszeit wurde von dem Missbrauchsskandal überschattet, der die katholische Kirche in eine tiefe Krise stürzte. 2013 trat Benedikt als erster Papst seit mehr als 700 Jahren freiwillig zurück. Auf ihn folgte der Argentinier Jorge Bergoglio als Papst Franziskus. Benedikt lebte seitdem zurückgezogen im Kloster Mater Ecclesiae.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, erinnerte am Samstagabend in der Sendung «ZDF spezial» an die Reaktionen in Deutschland auf die Wahl Ratzingers: «Die Begeisterung war riesig, dass nach Jahrhunderten wieder ein Deutscher Papst geworden ist.» Diese Begeisterung sei mit der Zeit allerdings abgeebbt. «Denn wir haben uns nicht leicht getan als Landsleute mit diesem Papst. Und er hat es uns auch nicht leicht gemacht dadurch, dass er das Evangelium verkündet hat – ob gelegen oder ungelegen.»

Kaum Fortschritte in der Ökumene

Auch protestantische Kirchenvertreter hatten ihre Mühe mit Papst Benedikt. So waren etwa die Erwartungen an seine Deutschlandreise 2011 hoch, als bekannt wurde, dass Benedikt im ehemaligen Augustinerkloster von Erfurt, einer Wirkungsstätte Luthers, mit Spitzenvertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zusammenkommen würde.

Doch bei dem Treffen am 23. September lobte er zwar Luther als Theologen, sparte aber strittige Themen wie ein gemeinsames Abendmahl oder den Umgang mit konfessionsverschiedenen Ehepaaren aus. Mehr noch: Explizit erteilte er Erwartungen an ein «ökumenisches Gastgeschenk» eine Absage. Der Dialog zwischen Katholiken und Protestanten folge nicht den Regeln von politischen Verhandlungen.

«Er war kein einfacher Gesprächspartner und forderte die evangelischen Kirchen mit seinen Positionen heraus.»
Ralf Meister, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands

Der damalige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider formulierte nach der Begegnung deutlich seine Enttäuschung. «Unser Herz brennt nach mehr. Und das war heute zu spüren», sagte er. Während des Pontifikats von Benedikt gab es auch danach keine weitere Annäherung der beiden Kirchen.

Als Präfekt der Glaubenskongregation und damit Hüter der römisch-katholischen Lehre sei Benedikt kein einfacher Gesprächspartner gewesen «und forderte die evangelischen Kirchen mit seinen Positionen heraus», so Ralf Meister, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands in einem Statement zum Tod des ehemaligen Papstes. Meister würdigte Benedikt aber auch «als einen tiefgründigen Denker und Theologen, als einen frommen Menschen, dessen ganzes Bestreben es war, in der Nachfolge Jesu zu leben».

Weltweit Reaktionen ausgelöst

Die Deutsche Alt-Kanzlerin Angela Merkel nannte Benedikt «einen der streitbarsten und bedeutendsten religiösen Denker unserer Zeit». Der britische König Charles III. hob dessen Engagement «für Frieden und Wohlwollen für alle Menschen» hervor. Der katholische US-Präsident Joe Biden meinte, Benedikt werde «als renommierter Theologe in Erinnerung bleiben, der sich ein Leben lang mit Hingabe für die Kirche einsetzte und sich dabei von seinen Prinzipien und seinem Glauben leiten liess».

«Seine Spuren werden lange erkennbar sein, und er selbst wird unvergessen bleiben.»
Charlotte Knobloch, frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland

«Papst Benedikt XVI. verstand es, grosse intellektuelle Tiefe und Bescheidenheit zu verbinden und sich stets für das Wohl der Menschheit einzusetzen», schrieb Ignazio Cassis – bis Samstag Bundespräsident der Schweiz – in einem auf Italienisch verfassten Tweet.

«Die Rolle von Papst Benedikt in der modernen Kirchengeschichte war einzigartig, sein Wirken besonders in Bayern profund», sagte Charlotte Knobloch, die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. «Seine Spuren werden lange erkennbar sein, und er selbst wird unvergessen bleiben.»

«Jesus, ich liebe dich»

Nachdem Benedikt schon seit vielen Monaten körperlich immer schwächer geworden war und zuletzt kaum noch sprechen konnte, verschlechterte sich sein Zustand über die Weihnachtstage weiter. Am Samstag, 31. Dezember, starb er dann vormittags im Kloster Mater Ecclesiae in den Vatikanischen Gärten. Dem Vernehmen nach schlief er friedlich ein.

Seine letzten Worte seien «Jesus, ich liebe dich» gewesen, berichtete die argentinische Zeitung «La Nación» unter Berufung auf informierte Quellen. Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein informierte gleich nach seinem Tod Papst Franziskus, wie das Blatt weiter schrieb. Der 86 Jahre alte Argentinier sei zehn Minuten später im Kloster Benedikts gewesen und habe dort schweigend an dessen leblosem Körper gebetet. (sda/dpa/epd/vbu)