Der Geisterbaum im Zentrum der Fantasiewelt Nibel speist die drei Elemente Wasser, Wind und Wärme mit seinem Licht. Als die Krähe Kuro das Herz des Baumes raubt und die Lichtwesen verletzt, bricht eine dunkle Zeit an. Das putzige Lichtwesen Ori, bereits vor Kuros Verrat dem Geisterbaum entrissen, findet jedoch das Lichtherz und lässt sich von ihm zu den drei Elementen leiten, um deren Licht neu zu entfachen und Nibel zu retten. Nach einem berührenden Prolog steuern die Spieler Ori durch die grosse 2D-Welt. Im Jump’n’Run-Stil werden zahlreiche Räume durchquert, Schlüssel gesammelt, Gegenstände strategisch verschoben, Feinde mit Energieblitzen bekämpft und dabei Spezialmanöver wie «Wandklettern» oder «Doppelsprung» ausgeübt. Gefundene Lebenssplitter halten Ori am Leben, Energiesplitter stellen Energiezellen wieder her, mit denen Türen geöffnet oder Stichflammen ausgeteilt werden. Allmählich werden neue Fähigkeiten wie stärkere Angriffe oder Atmen unter Wasser gelernt, die Zugang zu neuen und immer herausfordernderen Gebieten geben.
Christliches und gnostisches Denken
Fantasiewelten sind der religiöse Schmelztiegel der Popkultur – das trifft auch auf «Ori» zu. Hier treffen sich drei antike Grundströmungen, die – gemäss einer These des Soziologen Edward A. Tiryakian – die europäische Moderne bis heute prägen, nämlich die christliche, die gnostische und die volkstümliche. Oris Aufgabe ist es, Licht in eine gefallene und dunkle Welt zu bringen und sie von dem Bösen zu erlösen. Diese Ausgangssituation entspricht sowohl dem christlichen wie dem gnostischen Denken. Auch deren unterschiedlichen Heilswege haben ins Spiel gefunden: Um das Licht in Nibel neu zu entfachen, ist Ori – ähnlich wie die Gnostiker – auf Erleuchtungswissen angewiesen, das ihm durch ständige Anstrengung und Selbstvervollkommnung geoffenbart wird. Im Prolog aber dringt die christliche Heilslehre durch, wenn der vom väterlichen Geisterbaum stammende Ori in die Welt des Todes geboren wird und dort erst einen qualvollen Tod und die Wiederbelebung durch den Vater erfährt, ehe die Welt das Licht empfangen kann. Diese Erleuchtung stellt die Elemente und natürlichen Lebenskräfte wieder her und zielt somit auf das gute Leben in einer an sich guten Welt, was seit jeher der Kern der volkstümlichen Glaubensformen ist.
Nie unfair oder langweilig
Spielerisch tritt «Ori» in die Fussstapfen von Genre-Grössen wie «Metroid» und «Zelda», was durchaus gelingt: Sein rassiges Jump’n’Run verbindet akrobatische Raumerkundung mit abwechslungsreichen Kämpfen und einigen Rollenspielelementen in einer nahtlos zusammenhängenden Spielwelt. Die handgezeichnete Grafik mit den weichen Animationen verbindet sich mit der orchestralen Magie zu einer intensiven Spielerfahrung mit emotionalem Tiefgang. Der Spielfluss wirkt durch das dauernde Sterben und Wiederholen allerdings repetitiv. Denn «Ori» ist sehr anspruchsvoll, nur mit Taktik und Geschicklichkeit lassen sich die Herausforderungen in Nibel überleben. Dabei wird das Spiel aber nie unfair oder langweilig. Die relativ frei erkundbaren Gebiete sind immer lösbar, die eingängige Steuerung funktioniert präzise, und das Speichern ist fast überall möglich, kostet jedoch Energie und wird damit zur spannenden Ermessensfrage. Die Erzählung ist zunächst kryptisch, lässt aber bald nicht nur mythische Themen erkennen, sondern behandelt auch Verlust und Trauer, die Kraft der Liebe und Güte und das Erwachsen- und Stark-Werden in einer rauen Welt.
Angaben zum Spiel
Ori and the Blind Forest (Moon Studios/Microsoft Studios 2015)
Sprache: Deutsch u.a.
Plattformen: Windows XP/Vista7/8; Xbox 360; Xbox One
Preis: ca. 20 Euro
Offizielle Webseite
PEGI-Alterskennzeichnung: Ab 7 Jahren.
Über den Autor
Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.
Forschungswebseite: «Between God Mode and God Mood»