Schweizer Premiere

Statt Urnen gibt es Gipfeli, Wein oder ein Totenmahl

In zwei ehemaligen Urnenhallen auf dem Berner Bremgartenfriedhof eröffnet im Januar 2026 das schweizweit erste Restaurant auf einem Friedhof. Ein Ortsbesuch im künftigen «La Vie» .
Im Krematoruim des Berner Bremgartenfriedhofs soll das Restaurant «La Vie» entstehen. Im Bild ist die ehemalige Urnenwand zu sehen. (Bild: Peter Schneider/ Keystone)

Würdevoll, erhaben und monumental: So wirkt das 1908 erbaute Krematorium auf dem Berner Bremgartenfriedhof. Das Ensemble umfasst auch die einige Jahre später angebauten Urnenhallen.

Doch Bestattungen in diesen feierlich-stillen, marmorausgeschlagenen Sälen mit ihren vielen kleinen Urnennischen werden heute kaum mehr nachgefragt, weiss Mirjam Veglio, Geschäftsführerin der bernischen Genossenschaft für Feuerbestattungen, die für das Kremationswesen zuständig ist.

Viel eher möchten Leute heute die Urnen ihrer Angehörigen mit nach Hause nehmen oder draussen, an einem stimmigen Ort, bestatten. Aus diesem Grund werden zwei ehemalige Urnenhallen des Friedhofs schon bald als Restaurant genutzt (ref.ch berichtete). Im Januar 2026 soll «La Vie» eröffnet werden.

Sinnvolle Nutzung gesucht

Die Genossenschaft habe die Hallen nicht einfach «fürs Museum» restaurieren wollen, sondern sich überlegt, wie man für den Friedhof einen Mehrwert schaffen und die Hallen sinnvoll nutzen könnte, erzählt Veglio. Weil der Krematoriumskomplex mit seinen Urnenhallen denkmalgeschützt ist, muss er erhalten werden.

Erste Ideen für ein «Café» seien schon vor rund zwanzig Jahren aufgetaucht, doch habe es seine Zeit gebraucht, bis ein konkreteres Projekt daraus entstand. 2024 wurde der Umbau zum Restaurant schliesslich bewilligt. Widerstand aus moralischen oder ethischen Gründen gab es laut Veglio im Bewilligungsverfahren nicht. Im Zentrum standen vielmehr rechtliche Fragen.

Das Berner Restaurant hat laut Veglio Pioniercharakter. In kleinerem, ehrenamtlichem Rahmen gibt es etwa in Luzern bereits ein Friedhofscafé.

Umbauarbeiten im Gang

Unterdessen laufen in Bern die Umbauarbeiten in den beiden Urnenhallen III und IV. Für die wenigen verbleibenden Urnengräber habe man nach sorgsamer Absprache mit den Nachkommen gute Lösungen gefunden, erzählt Veglio.

Weil dies für manche Menschen ein Bedürfnis sei, würden die Hallen auch energetisch geklärt, so Veglio. Das Lokal will der Stille und Stimmung des Friedhofs Rechnung tragen. Es nennt sich «La Vie» («das Leben»).

Stattfinden kann im «La Vie» alles, was in die spezielle Umgebung passt, also etwa leisere kulturelle Aktivitäten wie Lesungen, Trauercafés oder Ähnliches. Um weiterhin über die Ausrichtung mitbestimmen zu können, wird die Genossenschaft das Restaurant nicht verpachten, sondern eine Geschäftsleitungsperson anstellen.

Der Innenausbau, von dem erst wenig zu sehen ist, soll Elemente der Belle Epoque aufnehmen, jener Zeit also, in der das Krematorium gebaut wurde. Bordeaux und grün werden die leitenden Farben im Inneren sein.

«Wir wollen etwas Schönes schaffen», betont Veglio. Etwas, das der Schwere eine gewisse Leichtigkeit in der Stimmung entgegensetzt. Durch ein lichtes, verglastes Entrée werden die Gäste ins Restaurant eintreten. Aus hohen Fenstern fällt Licht in den Raum. Ein zweiter, wintergartenähnlicher Raum soll vor allem für das Totenmahl, im Kanton Bern oft als «Grebt» bezeichnet, genutzt werden.

Für viele Menschen sei es ein Bedürfnis, nach einer Trauerfeier noch zusammenzusitzen, sei es informell bei einem Kaffee oder Glas Wein oder länger an einer klassischen «Grebt» mit Essen, so Veglio.

In der näheren Umgebung des Friedhofs gebe es kaum Lokalitäten, die der speziellen Stimmung einer Trauergemeinde den nötigen Rahmen verleihen könnten. «Die Menschen kommen mit einer Träne im Auge zu uns und gehen mit einem Lächeln wieder hinaus ins Leben», so würde es sich Veglio wünschen.

Ein Ort für alle

Das «La Vie» will nicht nur ein Ort für Trauernde sein, sondern ganz bewusst ein Ort der Begegnung für alle Menschen. Von Flanierenden über Ruhesuchende bis hin zur Quartierbevölkerung soll das Lokal alle ansprechen, unabhängig von Kultur und Religion.

Das Restaurant wird gemäss einer Vereinbarung mit der Stadt wochentags bis maximal 20 Uhr geöffnet sein. Das Angebot reicht von Kaffee mit Gipfeli über Mittagessen und Süsses bis zum Apero.

Ob das Konzept verfängt, wird sich nächstes Jahr zeigen, wenn auf dem ältesten Friedhof Berns neues Leben in die umgebauten Urnenhallen einzieht.

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