Integration

Herzen für Wildegg

In einem ehemaligen Hotel bangen 140 Kurden und Afghanen um einen Aufnahmeentscheid. Anfangs war der Widerstand im Aargauer Dorf gross. Nun merkt die Gemeinde, dass sie diese Männer brauchen kann.

Bei einer Adventsaktion in Wildegg (AG) buken Freiwillige mit Asylsuchenden. (Meinrad Schade)

Yusufi hat in Afghanistan vier Jahre lang Informatik studiert. Nun hat er nicht einmal mehr einen Computer. Der 20-Jährige ist aus Kabul geflüchtet, jetzt steht er in der Küche des Hotels «Aarehof» in Wildegg (AG) und taucht vorsichtig Mailänderli-Herzen in die Glasur. Sowas habe er noch nie gemacht, gebacken habe er aber auch schon. Er sucht eine Weile nach dem deutschen Wort, bespricht sich dann mit Azimi (23), wie er ein Student aus Kabul, ehe er lacht und sagt: «Kuchen!»

Die beiden afghanischen Studenten sowie 130 weitere Geflüchtete warten in der ungewöhnlich gemütlichen Asylunterkunft auf Bescheid der Behörden, ob sie bleiben dürfen oder das Land wieder verlassen müssen.

«Man kommt viel eher miteinander ins Gespräch, wenn man etwas gemeinsam macht.»
Helena Lüpold, Organisatorin

Das gemeinsame Guetzeln war eine Idee von Freiwilligen aus dem Dorf, die sich auf Initiative von Kirchgemeinde und Sozialdienst organisiert haben. «Man kommt viel eher miteinander ins Gespräch, wenn man etwas gemeinsam macht», sagt Helena Lüpold, eine der Organisatorinnen, im Gespräch mit ref.ch. Noch am selben Abend werden die Flüchtlinge die Guetzli mit heissem Tee anlässlich einer Adventsaktion an die Leute aus dem Dorf verteilen.

Yusufi und Azimi (rechts) studierten in Afghanistan. Nun backen sie auf Initiative von Käthi Frick (im Bild) und Helena Lüpold im aargauischen Wildegg Guetzli. (Bild: Meinrad Schade)

«Ich nehme an, er ist vom Fach», sagt Lüpold über einen bärtigen jungen Mann, der mit flinken Bewegungen den Spitzbuben-Teig zwischen zwei Hölzern auswallt und dann routiniert präzise Löcher in die Masse sticht. Daneben wechseln sich drei Kurden mit dem Bedienen des Brezeli-Ofens ab. Und Müslüm, ein weiterer Kurde, erzählt während einer Pause vom Mailänderli-Ausstechen, dass er in der osttürkischen Stadt Merzin an einem Kebabstand arbeitete. Gestern sei er der «Baklava-Chef» gewesen, sagt er stolz. Vier Bleche voll mit der türkischen Süssspeise lagern neben fertigen Guetzli auf den Tischen der Hotel-Lobby. 

Petition, Demo, Polizei

Der Aufschrei war gross gewesen, als der Kanton Aargau im Frühling bekannt gegeben hatte, dass das mitten im Dorf gelegene Hotel schliessen wird und stattdessen für drei Jahre als Asylunterkunft für 140 Männer dient. 2000 Leute unterschrieben eine Petition mit dem Titel «Keine Übergriffe auf unsere Frauen».

«Es war beeindruckend deprimieriend.»
Helena Lüpold, Organisatorin

Zur Eröffnung wurde eine Demo angekündigt, die Unterkunft wurde weitherum abgeriegelt, Polizisten erschienen in Gefechtsmontur. «Es war beeindruckend», sagt Helena Lüpold. «Beeindruckend deprimierend». Sie sei an diesem Tag nach einer Auszeit im Münstertal am Bahnhof Wildegg ausgestiegen – gleich gegenüber von der neuen Asylunterkunft. «Ich war schockiert, dachte mir, was diese geflüchteten Männer wohl von uns denken müssen.»

Drei Monate sind seither vergangen. Die Schreckenszenarien sind ausgeblieben. Die Männer lassen sich nichts zu Schulden kommen. Auch Sozialamt und Sicherheitsdienst leisten ihren Beitrag dafür, dass es ruhig geworden ist um die Unterkunft.

Und: Die Menschen haben gemerkt, dass die Männer im Dorf ganz gut zu gebrauchen sind. Bei der Möriker Operette, die den Festsaal der Gemeinde mit 500 Plätzen jeweils im November fast täglich füllt, standen einige der Männer an der Garderobe oder waren im Verkehrsdienst tätig. Bei anderer Gelegenheit half eine Gruppe Asylsuchender, im Wald 600 Eichen zu pflanzen. Und nun, beim Guetzeln, ist der Andrang so gross, dass die 12 Kilo Teig bereits vor dem Mittag verarbeitet sein werden.

Banges Warten auf den Entscheid

«Neinnein», sagt Mahmud, der bärtige Mann, der den Spitzbuben-Teig mit flinken Händen verarbeitet hat, und lacht laut. Dass er für einen Konditor oder Bäcker gehalten wird, überrascht ihn. «Ausser Börek habe ich noch nie etwas gebacken.» In der türkischen Stadt Adeyaman habe er als Schneider gearbeitet. Als Kurde flüchtete er wie viele hier vor dem repressiven Umgang der türkischen Regierung mit der ethnischen Minderheit im Land.

Mahmud (Mitte) verarbeitet den Spitzbuben-Teig wie ein Konditor. Dabei ist er gelernter Schneider. (Bild: Meinrad Schade)

Mahmud besucht an vier Nachmittagen pro Woche einen Deutschkurs. Beim Gespräch hilft ein Sozialarbeiter als Übersetzer. Die Mehrheit der Bewohner in Wildegg seien Kurden, sagt der. Ob diese bleiben können, werde von Fall zu Fall entschieden.

«Die jungen Männer haben keinen Bock auf religiösen Fundamentalismus.»
Martin Kuse, reformierter Pfarrer

Und das braucht Zeit. So wartet Müslüm, der Kebabverkäufer und Baklava-Chef, seit 14 Monaten auf einen Brief der Behörden. Auf dem Sperrbildschirm seines Handys ist das Bild eines Kleinkindes zu sehen. Drei Monate war es alt, als Müslüm flüchtete. Nun ist es eineinhalb. «Es fragt nach Papa», sagt er.

Glücklich, wer Arbeit findet

Klar wird: Die 140 Männer sind nicht hergekommen, um Probleme zu machen, wie es manche Anwohner befürchteten – sondern um sich ein neues, besseres Leben aufzubauen. Oder wie es der örtliche reformierte Pfarrer Martin Kuse kürzlich im Gespräch mit dem bref Magazin ausdrückte: «Hier sind 140 junge Männer, die wissen, dass das ihre Chance ist, die arbeiten, etwas leisten und sich ein Leben aufbauen wollen. Die haben keinen Bock auf Koranschule und religiösen Fundamentalismus.»

Bereits nach wenigen Monaten haben manche der 140 Bewohner Arbeit gefunden: in einem Restaurant, einem Lebensmittelladen oder als Kurier. Auch Asylsuchende dürfen arbeiten, müssen einen Teil des Lohns aber abgeben, um die Asylsozialhilfe zurückzuzahlen. Am stolzesten sei jener Bewohner, der in einer Uniform der Schweizerischen Post ein- und ausgehe, verrät der Sozialarbeiter und schmunzelt. Als Chauffeur sei der Mann bei einem Subunternehmen der Post angestellt.

Und Mahmud, der begabte Spitzbuben-Bäcker, wird er vielleicht nicht doch noch eine Ausbildung als Konditor in Betracht ziehen? Der 21-Jährige winkt ab. «Am liebsten würde ich Alterspfleger werden», sagt er. Er zeigt auf seinem Smartphone ein Bild seiner 84-Jährigen Oma. Seine Grossmutter sei eine wichtige Person in seinem Leben. «Und die Leute sagen mir, ich könne gut mit alten Menschen umgehen.»