Was hat die biblische Weihnachtsgeschichte mit Träumen zu tun? Mehr, als man meinen könnte. Ein Engel erklärt Josef im Traum, weshalb Maria ohne sein Zutun schwanger geworden ist. Ein Engel erscheint den träumenden Sterndeutern und weist sie an, nicht zu König Herodes zurückzukehren. Josef träumt von einem Engel, der ihn auffordert, mit Jesus und Maria nach Ägypten zu fliehen, und später von einem Engel, der ihm sagt, dass die Familie nun wieder in ihre Heimat zurückkehren könne.
Träume haben in der Bibel eine wichtige Bedeutung: Durch sie offenbart Gott seine Pläne und seinen Willen. «Wenn jemand unter euch ein Prophet ist, gebe ich mich ihm als der Herr zu erkennen in einer Erscheinung, rede mit ihm im Traum», spricht Gott im 4. Buch Mose. Erzvater Jakob träumt an heiliger Stätte den berühmten Traum von der Himmelsleiter, sein Sohn Josef deutet die Träume des ägyptischen Königs und bewahrt so die Bevölkerung vor einer Hungersnot.
Luzides Träumen
Wer würde aber nicht gerne selber bestimmen, was in der kommenden Nacht auf dem Traumprogramm stehen soll? Und einem schönen Traum jene Wendung geben, die man sich wünscht? Warum sollte man nicht lernen, luzid zu träumen? Luzides Träumen hat etwas Spielerisches – in einschlägigen Foren berichten sogenannte «Oneironauten» davon, wie sie durch Raum und Zeit fliegen, unbekannte Speisen geniessen oder mit grossen Persönlichkeiten plaudern – aber eine Spielerei ist es keineswegs.
Der «Klartraum» ist wissenschaftlich erforscht und dokumentiert. Pioniere der Klartraumforschung sind etwa der deutsche Wissenschaftler Paul Tholey und der US-Psychologe Stephen LaBerge. Das Phänomen ist aber keineswegs neu. Bereits in der Antike wurden Klarträume beschrieben, und im Buddhismus gibt es alte Yogatechniken, die das luzide Träumen fördern sollen.
Lern- und anwendbar
Die Basler Medizinstudentin Tamara Fingerlin beschäftigt sich seit Jahren mit der Traumtechnik. Sie betont, es sei kein geheimes Wissen, das nur begabten Insidern zugänglich sei. «Wer will, kann es lernen. Auch ich war kein Naturtalent und musste viel trainieren. Aber man gewinnt viel, wenn man seinen Träumen nicht mehr machtlos ausgeliefert ist.» Sie erklärt: Mit gezielten Übungen kann man lernen, den Zustand bewusst auszulösen.
Es wird möglich, die Umgebung, die Personen, die Handlung und den eigenen Körper willentlich zu steuern. Das Bewusstsein ist nicht getrübt, das heisst, man ist sich im Klaren, wer und was man im Wachleben ist. Geübte Klarträumer können auch die Perspektive frei wählen, also entscheiden, ob sie den Traum aus der Ich-Perspektive oder als dritte Person, also aus der Vogelperspektive, erleben wollen.
Traumtagebuch und Reality-Checks
Grundsätzlich braucht es eine ausreichende Menge Schlaf. Klarträume treten vorzugsweise in den REM-Phasen des Schlafes auf. Je länger man schläft, desto mehr REM-Phasen gibt es, und desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit eines luziden Traumes. Unumgänglich ist es, ein Traumtagebuch zu führen; das hilft, die Trauminhalte bewusster wahrzunehmen. Ein weiteres wichtiges Element beim Erlernen des luziden Träumens sind die sogenannten Reality Checks.
Dazu sagt Tamara Fingerlin: «Einer der Reality-Checks funktioniert zum Beispiel so, dass man mehrmals täglich im Wachzustand die Finger zählt. Wer das oft genug macht, kann im Traum dann den Test ebenfalls durchführen. Wer bei diesem Check nicht auf fünf Finger kommt, der träumt mit grösster Wahrscheinlichkeit.»
Kreativ und lustvoll
Und was bringt denn nun diese aktive Art des Träumens? Dazu die Fachfrau: «Unter anderem viel Spass. Es ist unglaublich spannend, träumend Fähigkeiten zu haben, die man im Wachzustand nicht hat. Wie fliegen oder durch die Wand gehen. Ich kann mich auch mit interessanten Menschen unterhalten. Und es ist ein Mittel zur kreativen Problemlösung, weil man im Traum freier assoziieren kann. Sportler nützen den Klartraum, um sich Bewegungsabläufe einzuprägen. Und nach einer Nacht mit luziden Träumen fühlt man sich frisch und erholt.»
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Katharina Kilchenmann/reformiert.info