Evangelische Theologin: «Homosexualität ist in der Bibel marginal»

In den aktuellen Debatten über Homosexualität warnt die evangelische Theologin Claudia Janssen vor einer Überbewertung biblischer Aussagen zu dem Thema. «Homosexualität ist in der Bibel absolut marginal», sagte die Studienleiterin im Studienzentrum für Genderfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD gegenüber der «Tageszeitung».


Niemand würde sich über die heutige Debatte mehr wundern als der Apostel Paulus selbst, meinte die Theologin. Denn was die meisten gar nicht wüssten, so Janssen: «Er hat gerade einmal zweieinhalb kurze Sätze zu dem Thema gesagt.»

Die viel zitierte Stelle aus dem ersten Kapitel des Römerbriefs sei allerdings eindeutig, räumte die Professorin für Neues Testament an der Universität Marburg ein. Dort halte Paulus fest, dass die Sexualität zwischen zwei Frauen für ihn ebenso «wider die Natur» sei, wie die zwischen zwei Männern. Allerdings werde diese Ansicht erst vor dem geschichtlichen Hintergrund verständlich. In diesem Falle orientiere sich Paulus an dem gängigen Bild von Sexualität bei Griechen und Römern.

Bibel kein «autoritatives Gesetzbuch»
Befürwortern einer wörtlichen Auslegung dieser Stelle warf die Theologin Inkonsequenz vor. «Warum sage ich, es ist eine unverrückbare Aussage, wenn es um Homosexualität geht, die Forderung, Ehebrecher zu steinigen, interpretiere ich aber zeitgeschichtlich?» Die Bibel bezeichnete Janssen als «Buch der Hoffnung und des Lebens» und nicht als «autoritatives Gesetzbuch». Ängste und Vorurteile kämen daher nicht aus der Bibel selbst, sondern stammten von Menschen, die die Texte des Alten und Neuen Testaments «als Unterdrückungsinstrument benutzen». «Wenn der Braten fertig ist, wird noch eine Petersilie – sprich die geeignete Bibelstelle – darübergestreut.» Ein solches Vorgehen schrecke aber all jene ab, «die ein ernsthaftes Interesse an den Fragen haben».

Das ganze Interview mit Claudia Janssen in der «Tageszeitung» vom 5. Februar 2014