Zu den anstrengendsten Tätigkeiten des modernen Menschen gehört das Shoppen. Wer nach stundenlanger Jagd nach dem trendigsten Markenartikel oder dem günstigsten Schnäppchen endlich fündig geworden ist, spürt oft eine tiefe Erschöpfung. Das könnte die spirituelle Leere sein.
Im Walliseller Glattzentrum wird im April ein Projekt gestartet, das den Einkaufsmüden eine Oase der Erholung und der Besinnung bietet. «Raum der Stille» heisst der Rückzugsort, der künftig den Angehörigen aller Religionen auf der oberen Verkaufsebene des Shoppingcenters zur Verfügung steht.
Schlichtheit und Ruhe
Sitzgelegenheiten, die Bücher der fünf Weltreligionen, vielleicht eine Kerze: Der Raum der Stille setzt einen bewussten Kontrast zur glitzernden Warenwelt draussen. Getragen wird das Projekt gemeinschaftlich von der reformierten und katholischen Kirche des Kantons Zürich. Der zurzeit leer stehende Raum wird vom Betreiber des Zentrums, der Betriebsgesellschaft Zentrum Glatt AG, mindestens bis Ende 2017 zur Verfügung gestellt.
Adrian Berger, Pfarrer der reformierten Kirche Wallisellen und eine der treibenden Kräfte des Projekts, spricht von einem «Gegen-Ort» und einer «Alternative zum Konsumismus». Der Raum diene nicht primär als Gebetsraum, sondern als «Ort der Entschleunigung, des Innehaltens und für Seelsorgegespräche.» Letztere könnten in einer akustisch abgetrennten Nische des Raumes geführt werden.
Die reformierte Kirche Wallisellen sucht zurzeit nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für das Projekt. Neben einem Pfarrer im 30-Prozent-Pensum sollen Freiwillige und pensionierte Pfarrpersonen den Betrieb gewährleisten. Das Angebot soll am Mittwoch- und Freitagnachmittag, am Freitagabend sowie samstags genutzt werden können – den Zeiten also, in denen im Glattzentrum Hochbetrieb herrscht. Ergänzend wird ein Pikett-Telefondienst unterhalten.
Ungewisse Chancen
Ein Raum der Stille an einem Ort, an dem etliche Cafeterias und Restaurants zur Entspannung einladen – kann das funktionieren? Die Zürcher Sihlcity-Kirche, ebenfalls ein ökumenisches Projekt, im Shoppingcenter Sihlcity verzeichnete für das Jahr 2015 immerhin 3900 Besuche in ihrer Kapelle. Rund 610 Personen beanspruchten eine Seelsorge. Doch können die beiden Projekte wirklich verglichen werden?
Thomas Münch, Seelsorger an der Sihlcity-Kirche und Beauftragter für stadtpastorale Projekte beim Katholischen Stadtverband Zürich, warnt bei der Frage nach der Zweckmässigkeit des neuen Angebots vor einem zu leichtfertigen Vergleich. Es gelte im Auge zu behalten, wer ein bestimmtes Center besuche und zu welchem Zweck. «Es ist ein Unterschied, ob man als Konsument ein Einkaufscenter aufsucht, um möglichst schnell die Einkäufe zu erledigen, oder um im Center zu bummeln oder die Freizeit zu gestalten.» Kirchliche Angebote im urbanen Umfeld sollten auf das Profil der Bezugsgruppe ausgerichtet werden, so Münch weiter.
Ob die Besucherinnen und Besucher des Glattzentrums den Raum der Stille ebenso fleissig nutzen werden, wird sich zeigen. Zumindest ein Faktor spricht für den Erfolg: Pfarrer Adrian Berger kennt die Bedürfnisse seiner Klientel aus erster Hand: Zu Studienzeiten jobbte er im Glattzentrum als Verkäufer.