Laptop heisst «Shoys-komputer», Smartphone «klug-mobilke» oder einfach «smartfon». In den USA ist in diesem Sommer ein neues Jiddisch-Englisch-Wörterbuch mit Tausenden modernen Begriffen herausgekommen. Denn auch das Jiddische will und muss mit der Zeit gehen.
Jiddisch wird nicht mehr viel geschrieben und gesprochen. Dabei war es rund tausend Jahre lang die Alltagssprache der ost- und mitteleuropäischen Juden. Es entstand zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert im deutschen Sprachraum. Geschrieben wird Jiddisch mit hebräischen Schriftzeichen. Vor dem Holocaust sprachen es etwa elf Millionen Menschen.
«blitspost»
Jede Sprache erfinde laufend neue Begriffe, sagt Gitl Schaechter-Viswanath, Mitherausgeberin des neuen «Comprehensive English-Yiddish Dictionary» mit rund 50’000 Wörtern. Die Mitarbeiter hätten für das Nachschlagewerk jiddische Begriffe für moderne Phänomene gesucht. Zum Beispiel «blitspost» – das ist «E-Mail» auf Jiddisch. Denn wolle eine Sprache Bestand haben, dürfe sie nicht einfach das Englische übernehmen. 5000 Exemplare sind gedruckt worden.
Nach Einschätzung der Abteilung für Jüdische Studien an der Rutgers Universität in New Jersey sprechen ausserhalb der USA heute noch etwa 250’000 Menschen in Israel jiddisch und 100’000 im Rest der Welt.
«Yiddish Book Center»
«Jiddischisten», Menschen, die sich um den Erhalt der Sprache bemühen, erleben in den USA gegenwärtig eine Art Renaissance. Gleichzeitig wachse auch das Interesse an der reichen Kultur der Vergangenheit, erklärt Aaron Lansky, Gründer des «Yiddish Book Center» in Amherst in Massachusetts.
Das Leben europäischer Juden vor dem Holocaust könne man wohl nur verstehen, wenn man sich mit der Sprache befasse, sagte Lansky. Als Student habe er in den 70er-Jahren mühsam begonnen, in den USA jiddische Bücher zu sammeln. Manche Ältere sprachen und lasen noch Jiddisch, doch die meisten Nachkommen wollten «richtige» Amerikaner sein und konnten wenig anfangen mit den verstaubten Werken.
Das Zentrum habe mehr als eine Million Bücher gerettet, sagt er. 12’000 stünden mittlerweile online und seien zwei Millionen Mal heruntergeladen worden, von Menschen aus aller Welt.
Brooklyn, Zentrum des Jiddischen
Junge Juden zeigten zunehmend Interesse an ihren Wurzeln und damit auch an der Sprache. Die Sprache lebt in den USA vornehmlich in ultra-orthodoxen chassidischen Gruppierungen, die sich oft von der Umwelt abgrenzen. Die meisten befinden sich im Stadtviertel Brooklyn in New York. Drei Viertel der jiddischsprachigen Menschen in den USA wohnen in oder um New York City, ermittelte das Statistikamt.
Dort bieten Behörden 2016 selbst Wahlregistrierungsformulare für die Präsidentenwahl auf Jiddisch an. Doch vielleicht hätten die Beamten dafür das neue Wörterbuch zu Rate ziehen sollen: Der jüdische Informationsdienst jpupdates.com bemängelt, die Formulare seien voller Fehler.
In der Schweiz hat der Schriftsteller Thomas Meyer in seinem 2012 erschienenen Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» das Interesse für das Jiddische geweckt. Seine Einführung ins Jiddische kann auf Youtube gesehen werden. Bei Meyer heisst E-Mail allerdings nicht «blitspost», sondern «blizbrif». (Konrad Ege/epd/ref.ch)