Afrika im Schoss: Ein Nachmittag bei Al Imfeld

Der weitgereiste Publizist und Theologe Al Imfeld präsentiert zum achtzigsten Geburtstag sein achtzigstes Buch. Dafür öffnete er drei Wochen lang seine Stube für alle, die mit ihm feiern wollten. Protokoll eines «Afrika-Gedichte-Essens».

Signierstunde in Al Imfelds Stube: Die Gratulanten und Gratulantinnen bitten den Gastgeber um eine persönliche Widmung des Afrika-Gedichtbandes. (Bild: RP/Susanne Leuenberger)

Angenehm gewichtig ruht der schwarze Einband aufgeschlagen im Schoss der Gäste, die es sich in Korbsesseln und Rattanmöbeln bequem gemacht haben. Gut ein Dutzend Gratulanten und Gratulantinnen haben sich heute in Al Imfelds Stube zu einem «Afrika-Gedichte-Essen» eingefunden, er «freut sich rüüdig». Die Glückwünsche gelten seinem achtzigsten Geburtstag. Und dem Erscheinen seiner Gedichtesammlung «Afrika im Gedicht». Drei Jahre und drei Monate habe er Tag und Nacht an dieser Anthologie gearbeitet, erzählt der Gastgeber nicht ohne Stolz in die Runde. Das glaubt man ihm aufs Wort. 815 Seiten stark und 1596 Gramm schwer, versammelt der Band mehr als 550 Gedichte afrikanischer Frauen und Männer.

Um Al Imfeld, der sich ab den 1970er Jahren als Afrikakenner einen Namen machte, ist es in den vergangenen Jahren leiser geworden. Doch nun hat er allen Grund zu feiern. Und dies tut er nicht alleine. Ganze drei Wochen ist sein Wohnzimmer, ausstaffiert mit Tierfellen, Batikkunst und surrealistischen Objekten aus Tierknochen und Schwemmholz, mehr oder weniger rund um die Uhr offen für Freunde und Bewunderer des Priesters, Soziologen, Journalisten, Afrikakenners, Schriftstellers, Tropenagronomen und Poeten, der mit allen per Du ist. Über 160 Menschen hätten seit dem 6. Januar bei ihm an der Konradstrasse im Zürcher Kreis 5 vorbeigeschaut.

Unterstützt wird Al von Rosmarie, seiner Nachbarin, Freundin und Vertrauten, die den Spitexdienst macht, «ohne etwas von Pflege zu verstehen», und Al, wie sie sagt, gegen seine fünf Ärzte verteidige. Rosmarie tischt Käse, Wurst, Wein und Als berühmte, selbstgekochte Gulaschsuppe auf. Neulich, erzählt sie, seien Küchenboden und Gang der Altbauwohnung abgesackt. Wen wundert’s, bei all den Menschen, die Al hier schon empfangen, bewirtet, beraten und grossherzig zu seinen Freunden gemacht hat.

Dichtung und Wahrheit

Heute sitzen in Als Salon alte Weggefährten aus seiner Zeit als Dozent an der Schule für Gestaltung in Luzern, ebenso ein älteres Ehepaar, das mit der Immenseer Mission neun Jahre im Kongo verbracht hatte, ein junger Sozialanthropologe, der zu Juden in Afrika forscht, ein Architekt, zwei Sozialarbeiter, eine aufmerksame Leserin seiner Afrikastudien, ein ehemaliger Käser und die «Protokollantin» des Nachmittags, die sich spontan per Telefon angemeldet hat («kein Problem, komm einfach vorbei!»). Sie alle verbindet die eine oder andere Episode ihres Lebens mit Al, der es von einer einfachen Kindheit im Luzerner Hinterland bis nach New York, Hanoi, Frankfurt und Nairobi geschafft hat.

Der begabte Alois, das älteste von 13 Kindern einer Bauernfamilie auf dem Napf, wurde Priester, ging zum Studium der katholischen Theologie nach Rom, eckte dort an und doktorierte stattdessen beim Protestanten Tillich in New York über Buddhismus. Al, wie er sich fortan nannte, beriet Martin Luther King, als er im Harlem der frühen 1960er Jahre als Armenpriester unterwegs war, er berichtete für die «Washington Post» vom Vietnamkrieg, später diskutierte er die afrikanische Frage mit Julius Nyerere, dem ersten Präsidenten Tansanias. In Deutschland gründete er den «Informationsdienst Dritte Welt» und brachte afrikanische Literatur an die Frankfurter Buchmesse. Und nebenher vermittelte er Joseph Beuys den westafrikanischen Künstler El Loko, den der grosse Aktionskünstler später als seinen begabtesten Schüler bezeichnen würde, wie Al im Laufe des Nachmittags erzählt. Gäbe es einen Wimmelbildband zur neueren Geschichte, so hiesse er nicht «Wo ist Walter?» sondern «Wo ist Al?». Ob Bürgerrechtsbewegung, Vietnamkrieg oder afrikanische Dekolonialisierung: Al, so scheint’s, war stets dabei, wo es zur Sache ging.

So schillernd der Gastgeber, so anregend die Unterhaltung an diesem Nachmittag: Vom Käsen am Napf kommt man auf «urban gardening» in Schanghai, vom «Nicknegerli» der Sonntagsschule im Luzerner Hinterland zur Krise des Buches und des traditionellen Wissens.

Vor allem aber erzählt Al von der Entstehung des Gedichtebands. Dieser sei ein Gemeinschaftswerk: Lotta Suter, seine Biographin, übernahm das Lektorat, zu siebt hätten sie sich um die Übersetzungen gekümmert. Am schwierigsten sei aber die Suche nach einem Verlag gewesen, «wer interessiert sich schon für Lyrik? Und afrikanische Dichtkunst dazu?» 125 000 Franken habe das Projekt insgesamt gekostet. Das Geld kam mehrheitlich über Beziehungen zusammen. Ein einziger Gönner, ein Naturwissenschaftler, habe über 30 000 Franken beigesteuert.

Poesie und Politik

Afrika im Gedicht, dieses Opus magnum des umtriebigen Publizisten Al Imfeld, versammelt Texte, die zwischen 1960 und der Gegenwart entstanden sind. Und ist ungleich mehr als eine einfache Sammlung und Übersetzung afrikanischer Lyrik. Die Gedichte sind geographischen und thematischen «Clustern» zugeordnet und mit Kommentaren versehen. Denn nur in ihrem Kontext, so Al, eröffne sich dem Leser das afrikanische Gedicht als «Geflecht einer Gesellschaft». Ein Gedicht habe keine Bedeutung, wenn es nur von Liebe handle oder un- berührter Natur. Mehr noch: Al, von den antikolonialen Kämpfen des 20. Jahrhunderts bewegt, interessiert sich für die emanzipatorische Kraft der Poesie. Er bezeichnet das Gedicht als eigentliche Waffe gegen die Fremdbestimmung, als «Bannstrahl», der den langen Arm kolonialer Heimsuchungen in Geschichte und Gegenwart abzuwehren vermag. «Das heutige Afrika benötigt das Gedicht und die Bilder, Symbole und Zeichen. Gedichte sind die neue Schrift Afrikas», schreibt Al in der Einleitung. Sie künden von «schrecklichsten Blutlachen» oder münden in «homerisches Gelächter». Und gerade Krisen und Katastrophen seien es, die gute Dichtung hervorbrächten; der schandhafte Bürgerkrieg in Sierra Leone habe ebenso brillante Dichter hervorgebracht wie die südafrikanische Apartheid oder die Erfahrung von Krieg und Gewalt. Und von Flucht. So hat viel Diasporadichtung Eingang in den Band gefunden: «Auch Exil ist Afrika», erklärt Al.

Poesie ist Frauensache

Die Gedichte, auf Englisch, Französisch, Portugiesisch, aber auch in Swahili, Arabisch oder Afrikaans verfasst, wurden in ihrer Originalform den Übersetzungen gegenübergestellt. «Das Buch soll auch für afrikanische Leserinnen und Leser interessant sein», erklärt Al. Viele der Gedichte sind bisher unveröffentlicht. Etwa ein Drittel haben ihm die Dichter auf persönliche Anfrage hin zugesandt: «Ich fand nicht an allen Gedichten Gefallen», gibt er zu.

So seien neuere, von der Rap-Kultur geprägte Gedichte, etwa jene des Südafrikaners Rampolokeng, oft sexistisch. Ein wahres «Sexfestival im Stile von Dantes Divina Commedia» werde da zuweilen aufgeführt. Zwar habe er sich dann, wo es ihm zu bunt wurde, die Freiheit des Kürzens genommen, die Gedichte aber dennoch allesamt publiziert. Bewusst habe er damit den «Chauvinismus des Herausgebers», selbst die Auswahl zu treffen, umgangen, sagt Imfeld. Das afrikanische Gedicht ist aber nicht nur zuweilen frauenfeindlich, es wird auch immer mehr von Frauen gedichtet: «Mir war wichtig, weiblichen Stimmen eine Plattform zu geben.» So seien es heute vermehrt Frauen, die für sich das Genre des Gedichts als Ausdrucksform gewählt hätten. «Das Gedicht ist die Sprache eines Menschen, der nicht viel Zeit hat, der mitten im Leben steht. Es ist eine unmittelbare, lebensnahe Form.» Das Dichten, so zitiert Al die tansanische Poetin Neema Komba, erlaube, «alles zu sagen und sich trotzdem zu verstecken».

Als Vermächtnis

«Afrika im Gedicht» ist der erste auf deutsch erschienene Sammelband schwarzer Lyrik seit dem «Schwarzen Orpheus» aus den 1950er Jahren. Letzterer feierte, einer exotisierenden «négritude» verpflichtet, die Schönheit und Erhabenheit des schwarzen Mannes: «Heute geht das nicht mehr», meint Al. Essenzialismus, der Glaube an Schwarz oder Weiss, Mann oder Frau, sei rassistisch, sexistisch und «bringt keine Freiheit. Für niemanden.»

Was die versammelte Lyrik verbinde, seien vielmehr universelle Erfahrungen wie Armut, Angst, Krieg und Gewalt, Liebe und Tod, Mutterschaft, Identität, Exil, Aids oder das Ringen ums Gedicht. Pünktlich zum achtzigsten Geburtstag erscheint «Afrika im Gedicht» als das achtzigste von Al herausgegebene Buch, zu dem ihm jüngst die Landesbibliothek per Telefon persönlich gratuliert habe. Und auch wenn es der feierliche Umfang andeuten könnte, nein, es sei bestimmt nicht sein letztes Werk, beteuert der unermüdliche Al. «In der Pipeline» sei etwa auch ein Kunstband mit Aktzeichnungen eines befreundeten Künstlers, «ziemlich pikant». Al ist also weiterhin dabei: Weder sein fortgeschrittenes Alter noch die zahlreichen körperlichen Gebresten können dem Elan von Al etwas anhaben.

Vor dem Aufbrechen fragt die Protokollantin, ob er ein Lieblingsgedicht habe. «Nein», meint er, «wie könnte ich? Die Gedichte sind wie meine Kinder. Jedes einzelne hat Eingang in mein Buch gefunden. Wie könnte ich eines dem anderen vorziehen?» «Afrika im Gedicht» ist nicht das letzte Buch von Al, aber eben doch so etwas wie sein Vermächtnis.