Aufarbeitung der Causa Locher

«Die Stimmung war sehr gereizt und von Misstrauen geprägt»

In der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz laufen Debatten zu unkritisch: Dieser Ansicht ist die Bündner Kirchenrätin und Synodale Miriam Neubert. Sie wünscht sich eine lebendigere Debattenkultur.

Die Bündner Kirchenrätin und EKS-Synodale Miriam Neubert meldet sich regelmässig zu Wort. (Bild: SEK/ EKS/ Nadja Rauscher)

Miriam Neubert, Sie haben an der ausserordentlichen Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) ein flammendes Votum gehalten und nicht mit Selbstkritik gespart. Welche Reaktionen haben Sie darauf erhalten?
Es gab viele positive Rückmeldungen aus der Synode, und zwar quer durch alle theologischen Richtungen hindurch. Das hat mich sehr gefreut. Auch Mitglieder des EKS-Rats und der Geschäftsstelle haben mich bestärkt in der Haltung, dass niemand das Recht hat, mit dem Finger auf andere zu zeigen, weil alle auf ihre Weise involviert sind. Dennoch lässt mich die Synode etwas ratlos zurück.

Weshalb?
Ich bin nach Bern gekommen, um eine inhaltliche Debatte zu führen. Ich wollte eine Türe öffnen für einen ehrlicheren Umgang. Was passiert ist, ist für uns alle schwierig. Wir alle sind befangen; in dieser Angelegenheit gibt es keine Gewinner. Ich reibe mir aber die Augen, weil es ausser meinem Votum kaum kritische Resonanzen gegeben hat. Das finde ich schade und traurig.

Sie finden, es bräuchte Reformen.
Es wird der EKS und uns als Synode gelingen, die strukturellen Reformen anzupacken und umzusetzen. Wir können auch zeigen, dass wir reif sind, als Parlament zu funktionieren. Aber wir brauchen darüber hinaus auch eine inhaltliche Debatte, um zu klären, wie wir «Kirche auf nationaler Ebene» sein wollen. Solchen Fragen müssten wir uns ehrlich stellen.

«Wir setzen auf zweite und dritten Chancen»

Müssten damit auch personelle Veränderungen in den EKS-Gremien verbunden sein?
In anderen Systemen gäbe es wohl Wechsel. Im Raum «Kirche» setzen wir auf zweite und dritte Chancen. Die jetzigen Mitglieder sind von der Synode gewählt, weder der Bericht noch die Empfehlungen der Untersuchungskommission sehen unmittelbaren Handlungsbedarf. Vielleicht zeigen die Erneuerungswahlen 2022, wie die Synode hierzu steht.

Zur Person

Miriam Neubert arbeitet noch bis Ende Jahr als Pfarrerin und Kirchenrätin in Graubünden. Anschliessend wird sie Beauftragte für Personalentwicklung Pfarrschaft bei den Reformierten Bern-Jura-Solothurn. Sie ist zudem Mitglied im Ausschuss der Frauenkonferenz der EKS. Neubert hat evangelische Theologie und europäische Kulturwissenschaften studiert. Sie ist mit Pfarrer Robert Naefgen-Neubert verheiratet, das Paar hat zwei Kinder.

Die Synodalen sind von den Landeskirchen delegiert. Sie werden mit Steuergeldern entschädigt. Die Synodalen stehen deshalb besonders in der Verantwortung. Sie müssten sich folglich aktiver zu Wort melden.
Tatsächlich würde ich mir eine lebendigere Debattenkultur wünschen, damit die Vielfalt der Meinungen deutlicher wird. Wo Synodale oder ganze Delegationen auf Mitsprache verzichten, gehe ich von Einverständnis aus.

An der ausserordentlichen EKS-Synode vor zwei Wochen haben Sie gesagt: «Wir als Synodale haben nicht laut genug kritisiert.» Wie meinen Sie das?
Es ist ein offenes Geheimnis, dass es unter dem Dach der EKS verschiedene Probleme gab. Viele wussten, dass es rund um den Abgang des damaligen Geschäftsführers zu Auseinandersetzungen gekommen war. Der ehemalige Ratspräsident hat es verstanden, Personen in Schlüsselpositionen zu motivieren, bei Kritik den Ball flach zu halten. Auch ich selbst hätte deutlicher sagen müssen: «So geht es nicht mehr.» Ich bereue noch heute, dass ich mich an der Synode im Juni 2020 nicht zu Wort gemeldet habe. Ich wusste nicht, wann ich mein Votum hätte bringen können. Es lief sehr chaotisch, die Rücktritte waren eben erst passiert. Die Stimmung war sehr gereizt und von Misstrauen geprägt.

«Den Ball an den Rat zurückzuspielen, finde ich zumindest merkwürdig»


Was hätten Sie sich anders gewünscht?
Jene, die Verantwortung tragen, hätten klarer und eindeutiger reden können. Ich denke da zum Beispiel an die Geschäftsprüfungskommission. Wenn ein Exekutivmitglied Zehntausende von Franken oder mehr über die eigene Kompetenz hinausgehend ausgibt, sollte die Geschäftsprüfungskommission die Synode informieren. Die Synode ist das falsche Gremium, um sich über Details auszutauschen. Ich hätte es aber durchaus begrüsst, wenn jetzt zum Beispiel eine synodale Gruppe gebildet oder das Synodebüro beauftragt worden wäre, um aus dem Untersuchungsbericht und den Empfehlungen einen Aktionsplan mit Massnahmen auszuarbeiten. Den Ball an den Rat zurückzuspielen, der Teil der Untersuchung war, finde ich zumindest merkwürdig.

Wie soll es aus Ihrer Sicht nun weitergehen?
Wichtig ist, was wir aus der Angelegenheit lernen; welche Massnahmen und Mechanismen es braucht, damit solche Dinge nicht mehr oder weniger leicht möglich sind. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass wir in der EKS-Synode verstärkt diskutieren, mit welchen Themen die Kirche in die Zukunft geht und wie sie sich angemessen entwickeln kann.