Die «Hitler-Glocke» läutet weiter

Im Turm der protestantischen Jakobskirche im deutschen Herxheim am Berg läutet seit 83 Jahren eine Glocke, die Adolf Hitler gewidmet ist. Nun ist eine Diskussion darüber entbrannt, was mit ihr geschehen soll.

Der Glockenturm der Jakobskirche in Herxheim am Berg. Eine Inschrift auf einer der drei Kirchenglocken im Turm sorgt nun für Debatten. (Bild: Wikimedia/Immanuel Giel)

«Alles für’s Vaterland – Adolf Hitler»: Diese Inschrift ziert seit 83 Jahren eine von drei Glocken im Turm der protestantischen Jakobskirche in Herxheim am Berg in Rheinland-Pfalz. Das ist ungewöhnlich, denn alle Glocken in Deutschland mit ähnlichen Inschriften wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs eingeschmolzen.

Offenbar verdankt die Glocke ihr langes Überleben ihrer Nutzung als Polizeiglocke, die beispielsweise bei Gefahren die Bürger warnte, sagt Pfarrer Helmut Meinhardt von der protestantischen Kirchengemeinde Weisenheim am Berg, zu der auch Herxheim gehört.

Dass die Glocke immer noch die Gläubigen zum Gottesdienst ruft, stört etwa Sigrid Peters, die mehr als zehn Jahre in der Jakobskirche die Orgel spielte. Von der Glockeninschrift erfuhr sie von einem Freund, der Hinweise in einem Archiv fand. Sie finde es im Nachhinein furchtbar, dass sie dort «Von guten Mächten» mit dem Liedtext Dietrich Bonhoeffers gespielt habe, während im selben Gottesdienst jene Glocke zu hören gewesen sei. Dabei habe Hitler persönlich die Ermordung Bonhoeffers angeordnet. Peters plädiert zumindest für ein Abstellen des Läutens oder eine Hinweistafel im Innern der Kirche. «Man muss so etwas wissen», findet sie.

Die Glocke als Zeitdokument

Auch für Pfarrer Meinhardt ist die Inschrift ein Ärgernis. Gleichzeitig sei die Glocke aber ein Zeitdokument. «Ich habe innerlich die Glocke entnazifiziert», sagt der Vorsitzende des Vereins für Pfälzische Kirchengeschichte. Er will die Glocke deshalb weiter klingen lassen. Das Geläut sei für ihn ein Mahnläuten, in dem eine Zeile aus der nazikritischen Barmer Theologischen Erklärung der evangelischen Kirche von 1934 mitklinge: «Wir verwerfen die falsche Lehre.»

Die Glocke aus dem Turm holen und einschmelzen lassen kann Meinhardt ohnehin nicht: Sie gehört der politischen Gemeinde. Ortsbürgermeister Ronald Becker sieht die Sache ganz pragmatisch: «Eine funktionierende Sache sollte man nicht ändern und die drei Glocken sind ja aufeinander abgestimmt», sagt er. Überdies habe sich bei ihm noch nie jemand über die Glocke beschwert. Trotzdem werde sich der Ortsgemeinderat Anfang Juli mit der Sache befassen.

Die Glocke entfernen oder abstellen?

Sollte tatsächlich beschlossen werden, die Glocke abzunehmen, gilt es allerdings den Denkmalschutz zu beachten. Darauf weist Bernd Ehrhardt von der Bauabteilung der Landeskirche hin. Grundsätzlich komme im Denkmalschutz der Erhalt vor der Erneuerung, dem Ersatz oder sogar der dauerhaften Beseitigung.

Was Helmut Meinhardt in seiner Funktion als Pfarrer tun könnte: Die Glocke aus dem Läuten herausnehmen. Davon rät allerdings Birgit Müller, Glockensachverständige der Evangelischen Kirche der Pfalz, dringend ab: «Dann klingt nur noch eine Terz, das hören Sie sich maximal zwei Minuten an.»

Ersatz ist zu teuer

Eine Ersatzglocke würde die Kirchengemeinde laut Müller 50‘000 Euro kosten. Dieses Geld kann die Gemeinde nicht ausgeben: Über die kommenden Jahre müssen für mindestens 200‘000 Euro Risse im Mauerwerk beseitigt werden. Und auch das Abschleifen der Inschrift ist keine Lösung: Das würde laut der Glockensachverständigen Birgit Müller eine Veränderung der Tonhöhe verursachen.

Müller sieht ein Entfernen der Glocke aber nicht allein der Kosten wegen kritisch: Die Glocke sei Teil einer nicht rühmlichen Geschichte, das sei nicht zu leugnen. Aber: «Sie ist auch ein Mahnmal für kommende Generationen.» (epd/Florian Riesterer)