Herr Bühler, wie geht es Ihnen jetzt nach der Trauerfeier?
Im ersten Moment, als die Spannung nachliess, war ich auf einmal unglaublich traurig. Jetzt bin ich vor allem erleichtert.
Auch in der Feier hat man gemerkt, dass Sie emotional betroffen sind. Wie schaffen Sie es, sich von den Emotionen nicht überwältigen zu lassen?
Es braucht Nähe und gleichzeitig Distanz. Ich muss Empathie zeigen für die Trauernden und gleichzeitig der sein, der darüber reden kann. Man darf mir meine emotionale Beteiligung ansehen, hören, dass meine Stimme manchmal unsicher wird. Aber ich bin der, der die Spannung hält und redet. In der Funktion bin ich da, und es ist auch sinnvoll, dass man so jemanden hat.
Was war bei diesem Ereignis die grösste Herausforderung für Sie?
Ganz neu war für mich der Umgang mit den Medien. Auf einmal war ich nicht nur als Seelsorger ganz nah bei den unmittelbar Betroffenen, sondern gleichzeitig einer grossen Öffentlichkeit ausgesetzt. Da habe ich mich zunächst etwas hilflos gefühlt: Was darf ich sagen, was nicht? Was darf an die Öffentlichkeit, was gehört zur Privatsphäre? Zum Beispiel bei diesem «Blick»- Journalisten. Dem habe ich auf mehrfaches Nachfragen dann doch ein Telefoninterview gewährt. Danach habe ich mich nicht mehr auf die Gottesdienstvorbereitung konzentrieren können, weil ich mich dauernd gefragt habe, ob ich jetzt irgendeinen Mist erzählt habe oder etwas gesagt habe, das ich nicht sagen durfte.
Später war dann Ihre Telefonnummer nicht mehr zugänglich …
In den ersten Tagen hat andauernd das Telefon geläutet. Das Schlimme war, dass ich nicht wusste, ob es jetzt Angehörige oder Medienschaffende sind, bei Natelnummern kann man das ja nicht herausfinden. Irgendwann war ich dann telefonisch nicht mehr erreichbar, denn sonst hätte ich überhaupt keine Ruhe mehr für die Gottesdienstvorbereitung gehabt.
Warum sind Sie überhaupt für die Medien so interessant?
Ich weiss es auch nicht. Ein Grund ist wahrscheinlich, das man immer noch kaum etwas weiss. Die Leute sind schockiert und ratlos, und es gibt keine Informationen. Dann kommt mit der Trauerfeier wieder ein Ereignis in diesem Zusammenhang. Es hätte auch ein anderes sein können, eine Polizeiaktion zum Beispiel. Der Nächste, der mit der Sache zu tun hat, wird interessant, denn dann kann die Geschichte weitergehen. Die Angehörigen haben sich abgeschottet, das ist auch richtig so. Und dann war ich einfach der Nächste.
Liegt es auch der Faszination für das Verbrechen, dass das Medieninteresse so gross ist?
Ja und nein. Mario Fuchs von der «Aargauer Zeitung» hat mir zum Beispiel gesagt, dass er es schön finde, in diesem Fall auch einmal über etwas Positives zu berichten und nicht nur über brennende Leichen. Ich glaube aber schon, dass das Verbrechen die Leute fasziniert, ich bin da keine Ausnahme. Ich hätte den ganzen Gottesdienst mit blutrünstigen Geschichten füllen können wie ein Shakespeare-Drama. Das war aber nicht das, was ich wollte. Deshalb habe ich in der Trauerfeier auf diesen Aspekt bewusst verzichtet.
Was kann speziell die Kirche für die Bewältigung solcher traumatischer Ereignisse leisten?
Wir haben einiges, was andere nicht haben. Räumlichkeiten, die wir zur Verfügung stellen können. Glockengeläut. Freiwillige und Pfarrpersonen, die das Ritual kennen und ohne grossen Aufwand anwenden können. Gerade in so einem erschütternden Moment, in dem sich ein Abgrund auftut, ist es wichtig, dass es eine Art verbürgte Geschichte gibt, an der wir alle teilhaben und die uns trägt. Die Kirche ist das geeignete Gefäss dafür, ohne sie fiele das alles weg. Ich muss aber aufpassen, dass ich in so einem Rahmen nicht das volle Traditionsprogramm durchziehe und meine, mit Auferstehungsgeschichten und Osterliedern wäre es getan. Das geht nicht.
Die Hoffnung auf Auferstehung ist in Ihrem Gottesdienst gar nicht vorgekommen. Warum nicht?
Ich versuche, auch meine Trauergottesdienste so zu gestalten, als ob ich bei den Leuten sässe und mit ihnen redete. Wenn ich bei tiefgläubigen Leuten bin, die sagen, Christus ist mit mir, und ich werde mit ihm auferstehen, dann kann ich das auch nachvollziehen. Aber Trauernde, die eher kirchenfern sind, können mit solchen Worten überhaupt nichts anfangen. Wenn ich ihnen aber sage: «Ihr habt Carla gern gehabt, und in den Momenten, in denen ihr mit Liebe gemeinsam unterwegs wart, ist etwas von ewiger Liebe enthalten», dann verstehen sie mich. Dann sagen sie sich: «Ja, das stimmt.»
Was ist Ihre Hoffnung? Was würden Sie sich selber predigen?
Dass ich authentisch lebe, ohne Angst vor dem Sterben. Dass ich weiter an das Gute im Menschen glaube. Dass ich in der Gemeinschaft mit anderen und im Gespräch weiter suche, was mich trägt. Und dass in der Liebe dieser Gemeinschaft schon hier etwas vom Reich Gottes sichtbar wird.