«Das Christentum garantiert nicht für moralische Güte»

Gerade mal 20 Personen lockte die Frage, ob Christen bessere Menschen sind, am vergangenen Donnerstagabend in die Wasserkirche nach Zürich. Eine Antwort erhofften sie sich von Ethiker Georg Pfleiderer.

Georg Pfleiderer referiert in der Wasserkirche zur Frage «Sind Christen die besseren Menschen?». (Bild: Raphael Kummer)

Im Eingangsreferat näherte sich der Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Uni Basel aus theologie- und philosophiegeschichtlicher Richtung der Frage. Pfleiderer wies dabei auf die starke Verankerung der Verbindung von Glaube und Moral bzw. Glaube und gutem Handeln hin. Das Christentum als solches garantiere nicht für moralische Güte. Bessere Menschen habe es tendenziell überall gegeben, schlechtere allerdings auch. Ab etwa 1800 habe sich unter den bürgerlich Gebildeten Frankreichs das Bewusstsein verbreitet, dass wirkliche moralische Güte immer von innen komme. Die Kirche und der Glaube könnten diese zwar unterstützten, aber nicht im Kern begründen oder erzeugen.

Kirchen als moralische Instanzen

Béatrice Acklin Zimmermann von der Paulus-Akademie Zürich hatte zuvor in der Einleitung kritisch angemerkt, dass christliche Kirchen in öffentlichen Stellungnahmen bisweilen den Eindruck erweckten, es gehe ihnen vorrangig darum, den Gläubigen den moralisch korrekten Weg aufzuzeigen und sie anzuleiten, bessere Menschen zu sein. Sie warf deshalb die Fragen auf, ob die Kirchen auf dem besten Weg dazu seien, den christlichen Glauben auf Moral und Sittlichkeit zu verkürzen, sich das schlechte Gewissen heute säkularisiert habe und beispielsweise Spenden an Greenpeace heute nichts anderes seien als die Ablassbriefe unserer Tage. Die Vortragsbesuchenden stellten in der anschliessenden Fragerunde lieber andere Fragen.

Moralisten-Rolle vermeiden

Durch diese fühlte sich Pfleiderer dann schnell «in die Ecke des Moralonkels» gedrängt. So hätte er gleich zu Beginn über eine Person urteilen sollen, die zwar für einen makellosen ökologischen Fussabdruck sorgt, den Mitmenschen gegenüber aber abweisend ist. Pfleiderer schmunzelte, dass Kirchenvertretern immer schnell die Rolle des Moralisten zugeschoben wird, obschon sie diese unter allen Umständen vermeiden sollten.

Die Wurzel von Moral

Pfleiderer wusste das Dilemma dann jedoch geschickt zu umschiffen, indem er Luther und Calvin heranzog: Es gehe nicht um unsere Tugenden in verschiedenen Handlungsfeldern, sondern komme auf «das Sein der Person» an. Das Christentum habe von Anfang an auf den «Kern einer Person» als Grunddimension moralischen Handelns gezielt. Mit der Botschaft «Kehret um» habe Jesus eine Gesamtumwandlung der Person gemeint, die eine Neuorientierung in allen Lebensbereichen bewirke.

Bindungsintensität entscheidend

Haben nun religiöse Menschen bessere Chancen moralisch gut zu sein als andere? Nicht religiöse Glaubenssätze seien entscheidend, sondern die «Intensität einer Bindung». Die Forschung zeige, dass diese bei säkularen Menschen gleich stark ausgeprägt sein könne. Nur sei es dann zum Beispiel der Fussballklub, der einer Person «heilig» sei, und nicht die Religion, so Pfleiderer.


 

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