Brandkatastrophe in Crans-Montana

«Wir konnten zahlreiche Familien zusammenführen»

Susanna Meyer Kunz war im Universitätsspital Zürich im Einsatz, als die Brandopfer aus Crans-Montana eintrafen. Als Seelsorgerin betreute sie Angehörige und erzählt von belastenden sowie berührenden Momenten.
Mehrere Schwerverletzte von der Brandkatastrophe in Crans-Montana werden im Zürcher Universitätsspital behandelt. (Bild: Michael Buholzer/ Keystone)

Das Universitätsspital Zürich (USZ) hat nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana mehrere Schwerstverletzte aufgenommen. Frau Meyer Kunz, wie haben Sie als Seelsorgerin diese Tage erlebt? 
Ich hatte bis zum Jahresende Dienst und eigentlich ein paar freie Tage vor mir. Am Neujahrsmorgen weckte mich ein Alarm, der nur in Ausnahmefällen ausgelöst wird. Nachdem ich den ersten Lagebericht gelesen hatte, war klar, das wird ernst. Im USZ kommt bei aussergewöhnlichen Lagen eine Logistik zum Tragen. Wir Seelsorgende sind in das interdisziplinäre Care-Team, das Angehörige schwer erkrankter Patientinnen und Patienten betreut, stark eingebunden.

Was waren die ersten Schritte? 
Das Verfahren in so einem Fall ist klar vorgegeben, wir sind dafür ausgebildet. Als Seelsorgende funktioniert man, tut, was man gelernt hat. Erst bauen wir eine Infrastruktur auf. In der Nacht kamen bereits die ersten Patientinnen und Patienten. Es war klar, dass gegen Mittag Angehörige kommen. Wir haben für sie einen Raum nah am Eingang eingerichtet, etwas zu essen und trinken organisiert. Das ist aus notfallpsychologischer Sicht sehr hilfreich.

Inwiefern? 
In Krisensituationen ist es wichtig, dass die Menschen etwas zu essen haben. Schon die Entscheidung, will ich ein Brötchen oder ein Sandwich, hilft, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken und in die Handlungsfähigkeit zu kommen. Als die Angehörigen eintrafen, haben wir sie empfangen. 

Wie konnte ihnen geholfen werden? 
Wir nahmen Personalien auf und schauten, ob ein Patient oder eine Patientin mit einer entsprechenden Adresse im System ist. Zu Beginn konnten wir zahlreiche Familien zusammenführen, das waren gute Momente für alle Beteiligten. Wir fragten in der Abteilung nach, ob ein Besuch möglich sei, und begleiteten die Familien ans Krankenbett. Ich bemühte mich um ein kurzes Arztgespräch. Der erste Besuch war für viele Angehörige ein Schock. Aber es war eindrücklich zu sehen, wie Menschen am Krankenbett wachsen.

Manche Opfer konnten mehrere Tage nicht identifiziert werden. 
Es war für die Pflegenden enorm belastend, Menschen nur noch über eine Nummer erfassen zu können. Auch theologisch ist das brisant. Nicht umsonst heisst es in der Bibel bei Jesaja 43,1: «Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen.» Menschen ohne Namen zu behandeln – das unterschied diesen Einsatz von anderen. 

Zur Person

Seit 2019 leitet Susanna Meyer Kunz die reformierte Spitalseelsorge am USZ. Zudem ist sie in leitender Funktion des interdisziplinären Care-Teams, das in besonderen und ausserordentliche Lagen zum Tragen kommt. Die 59-Jährige ist Pflegefachfrau, studierte später Theologie und bildete sich in Notfallpsychologie weiter. Im USZ sind 16 reformierte, katholische und muslimische Seelsorgende tätig.

Sehen Sie weitere Unterschiede zu anderen Kriseneinsätzen? 
Brandverletzte gibt es im Unispital häufig. Und auch in Krisen funktioniert das Spital sehr gut. Nie war die Lage chaotisch, immer blieb es ruhig und professionell. Das junge Alter der Brandopfer löste bei vielen Mitarbeitenden eine besondere Betroffenheit aus. Viele haben selbst Kinder. Andere sind Auszubildende oder stehen am Berufsanfang. Ein Pfleger sagte, er habe selbst noch eine Woche zuvor in einem Club gefeiert. Nun stehe er am Krankenbett eines jungen Menschen ohne Namen. Hinzu kam die Verzweiflung der Angehörigen auf der Suche nach ihren Kindern.

Was kann man Eltern in so einer Situation sagen? 
Dass man da ist und da bleibt. Zuhört, auch wenn man in dem Moment keine Antwort hat. Das Care-Team bat die Angehörigen, Merkmale zu beschreiben, Bilder von Tattoos zu zeigen, die wir an die Abteilungen weiterleiteten. Als wir die Eltern später um DNA-Proben bitten konnten, war das hilfreich. Die schreienden, verzweifelten Eltern gingen mir sehr nahe. Viele riefen auf einer Hotline an, die wir mitbedienten. Ich telefonierte stundenlang und bat irgendwann einen Kollegen um ein Entlastungsgespräch. Im ganzen Haus spüre ich eine grosse Freundlichkeit und gegenseitige Fürsorge. Auch ausserhalb der Klinik ist die Solidarität gross.

Mittlerweile ist es ruhiger geworden, viele Patienten wurden verlegt. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert? 
Es sind noch sechs Brandopfer hier, ihre Familien werden weiter betreut. So wurden wir von Angehörigen gebeten, in schwierigen Situationen dabei zu sein, etwa wenn einem Patienten die Nachricht überbracht wird, dass er Freunde verloren hat. Gleichzeitig kümmern wir uns weiterhin um alle anderen Patienten im Spital. Und nun vermehrt um die Mitarbeitenden.

Der Umgang mit Trauernden ist ein wesentlicher Teil Ihrer Arbeit. Inwiefern ist ein nationaler Trauertag wichtig für die Familien und Freunde der Opfer oder gar für das ganze Land? 
Für die direkt Betroffenen zählt vor allem, Solidarität zu spüren und wahrgenommen zu werden. Trauer ist ja etwas, das in unserer Gesellschaft kaum Raum erhält. Viele Arbeitgeber erwarten, dass man nach einem Trauerfall am Tag nach der Beerdigung wieder im Büro erscheint. Dabei braucht es Zäsuren, man kann nicht einfach immer weitermachen wie zuvor. Bei diesen Zäsuren spielt die Kirche eine wichtige Rolle.

Was kann sie beitragen? 
Wir sind fähig, Übergänge zu gestalten, einen Ausdruck für Trauer zu finden. Das ist ein grosser Schatz, eine entscheidende Ressource, und das müssen wir in solchen Momenten leben. Wenn einem der Boden unter den Füssen wegbricht und das Kohärenzgefühl verloren geht, dann geht es darum, wieder Halt zu finden. Stille, das Anzünden einer Kerze, das Sprechen eines Gebets – das ist in solchen Momenten etwas Kostbares. 

Redaktioneller Hinweis: Das Interview ist zuerst bei «Reformiert.» erschienen, wir danken der Redaktion für die Erlaubnis zum Zweitabdruck.

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