Nach der Annahme des Minarett-Verbots hatten Parlamentarier mehr Informationen zur muslimischen Bevölkerung verlangt. Diese liegen nun vor. Aus Sicht des Bundesrates zeigen sie, dass keine Massnahmen nötig sind. Gemäss dem am 8. Mai veröffentlichten Bericht leben zwischen 350000 und 400000 Muslime in der Schweiz. Rund ein Drittel von ihnen habe das Schweizer Bürgerrecht, viele leben in der zweiten und dritten Generation in der Schweiz. Die überwiegende Mehrheit der eingewanderten Muslime stammt aus dem Westbalkan und der Türkei.
Parallelgesellschaften seien kaum festzustellen, heisst es im Bericht. Für viele Muslime bilde die Religionszugehörigkeit nicht das wichtigste Merkmal ihrer Identität. Nur zwölf bis fünfzehn Prozent praktizierten ihren Glauben, indem sie beispielsweise regelmässig eine Moschee besuchten. Insbesondere Muslime aus dem Westbalkan lebten den Islam häufig eher im Sinne eines Brauchtums. Insgesamt pflegten die in der Schweiz lebenden Muslime kein innigeres Verhältnis zur Religion als Nichtmuslime.
Projektionsfläche für Ängste
Die öffentliche Wahrnehmung ist indes eine andere: Die Autoren halten fest, der Islam diene im öffentlichen Diskurs oft als Projektionsfläche für Ängste um den Verlust der nationalen, kulturellen oder auch religiösen Identität. Begleitet würden diese Ängste von stereotypen Vorstellungen über den Islam. Probleme werden laut dem Bericht denn auch überschätzt, etwa das Minarett-Problem: «Die erhöhte Aufmerksamkeit für muslimische Sakralbauten korrespondiert nicht mit deren tatsächlicher Zahl und Präsenz im Ortsbild», halten die Autoren fest.
Auch die Probleme in den Schulen sind gemäss dem Bericht kleiner als gemeinhin angenommen wird. Muslime bringen demnach nicht mehr religiös motivierte Sonderwünsche vor als andere Religionsgemeinschaften. Die für den Bericht befragten Schul- und Erziehungsbehörden sprachen sich dafür aus, im Einzelfall abzuwägen, ob das Anliegen berücksichtigt werden soll.
Nicht pauschal mit dem Islam in Verbindung gebracht werden sollte die ungleiche Stellung von Mann und Frau in gewissen islamisch geprägten Ländern. Diese fusse unter anderem im traditionellen patriarchalischen Brauchtum, das allenfalls durch religiöse Bezüge nachträglich legitimiert werde. Das gelte namentlich für die Zwangsheirat und die weibliche Genitalverstümmelung.
Der politische Islam stellt laut dem Bericht in der Schweiz ein Randphänomen dar. Einzelfälle gibt es aber, auch so genannte «Hassprediger». Die Bundesbehörden gehen von rund einem Dutzend Moscheen in der Schweiz aus, in denen eine extremistische Auslegung des Islams gepredigt wird.