Auf weitere 60 Jahre «Wort zum Sonntag»

An der Tagung «Tweet zum Sonntag» in Zürich diskutierten am Mittwoch Fachleute über die Rolle der Religion in den Medien. Fazit: Religion ist nach wie vor ein periferes Thema, und die Journalisten wissen viel zu wenig über sie. Anlass der Veranstaltung war der 60. Geburtstag des «Wort zum Sonntag».

Vinzenz Wyss, Amira Hafner-Al Jabaji, Thomas Ribi und Judith Hardegger.
Diskutierten über Religion und Medien: Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss, Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al Jabaji, Thomas Ribi (NZZ) und Judith Hardegger (SRF). (Bild: Reformierte Medien/Anna Kaiser)

Vor rund 70 Gästen stellte zunächst Monica Cantieni, SRF Multimedia Kultur, die SRF-Kulturplattform vor (www.srf.ch/kultur). Die trimediale Plattform sei ein dritter Kanal und richte sich an ein «junges, geselliges, mobiles, vernetztes, debattierfreudiges Publikum». Auf dieser Plattform würden alle Religionen behandelt, auch Integration sei ein wichtiges Thema.

Auf die Frage eines Votanten, ob dieses Angebot mit der SRG-Konzession vereinbar sei, äusserte sich die ebenfalls anwesende SRF-Kulturchefin Nathalie Wappler: «Diese Plattform gehört zum Kulturauftrag der SRG, alle Beiträge sind mit dem Programminhalt verknüpft. Für Zeitungen wäre so ein Kulturangebot schwieriger zu stemmen.» Auf die Frage nach dem Traffic der Plattform meinte Cantieni: «Wir füllen täglich das Hallenstadion.»

Angeregte Runde

Anschliessend diskutierte eine angeregte Runde über Medien und Religion. Judith Hardegger (SRF-«Sternstunde») fragte, ob die Wiederkehr der Religionen vor allem in den Medien stattfinde. Thomas Ribi von der «Neuen Zürcher Zeitung» bezweifelte die These grundsätzlich: «Diese Wiederkehr findet auch in den Medien nicht statt. Wenn in den Medien etwas kommt, sind es religiöse Konflikte.»

Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss widersprach: Gemäss dem Nationalen Forschungsprojekt 58 «Religionen in der Schweiz» stimme die These, wobei die Datenlage etwas älter sei (es wurden Zeitungen und Fernsehbeiträge aus den Jahren 1998 und 2008 analysiert). Allerdings bestätigte Wyss, dass Religion eher nur dann Thema sei, wenn sie mit politischen Themen gekoppelt werde.

Die Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al Jabaji meinte indessen, dass religiöse Themen generell mehr Menschen interessierten, zumal in Sozialen Medien: «Ethik, Spiritualität, erste und letzte Fragen interessieren die Leute.» Was wiederum Wyss nicht gelten liess: «Im Facebook-Stübli oder im Twitter-Keller gibt es vielleicht mehr Religion, aber in den klassischen Medien eher nicht.» Und Ribi ergänzte: «Oft ist es einfach die Chronique scandaleuse der Katholiken, die in den Medien Platz findet.»

«Mekka der Pädophilen»

Gemäss Hafner-Al Jabaji lässt sich Religion in den Medien aber sowieso nur schwierig abbilden, ja nicht einmal aussprechen. Wie soll man Judentum oder den Islam bildlich darstellen? Klischeebilder würden oft genommen; die die effektive Vielfalt der Religionsgemeinschaften beeinträchtigen und vorgefasste Meinungen bestätigten.

Judith Hardegger wollte darauf wissen, warum die Journalisten so wenig Wissen über Religion haben. Ribi meinte lapidar, Religion sei ein periferes Thema. Hafner-Al Jabaji ergänzte, dass sie oft eine gewisse Flapsigkeit und Gedankenlosigkeit unter den Journalisten beobachte: Den Ausdruck «das Mekka der Pädophilen» habe sie kürzlich gehört: «Da geht mir der Laden runter.» Oder in der SRF-«Tagesschau», in der es vor einem Bericht über eine Umfahrungstrasse geheissen habe: «Und gib uns unsere tägliche Staumeldung heute.» Sie habe darauf bei der Ombudstelle interveniert. Deren Antwort: Das Vaterunser sei nicht der Kern des Glaubenverständnis.

«Sonst hat man doch bei den Zeitungen Spezialisten, beim Sport, der Kultur oder der Wirtschaft», ereiferte sich Wyss. Die Redaktionen müssen sich halt auch bei der Religion fit machen. Ribi beklagte zudem ein allgemeines Bildungs-Malaise: «Auch politische Journalisten wissen heute nichts mehr. Ich bin mit Journalisten in Budget-Pressekonferenzen, die den Unterschied zwischen Rechnung und Budget nicht kennen.» Ein Votant fragte, ob man nicht Kurse bei der Journalistenschulen MAZ machen könnte. Wyss: «Diese Kurse gab es, sie wurden mangels Nachfrage eingestellt.»

Privileg für die Kirchen

Schliesslich kam man auch auf den Anlass der Tagung zu sprechen: 60 Jahre «Wort zum Sonntag». Ob der Sendeplatz für die Kirchen noch legitim sei, fragte Hardegger. Wyss begrüsste das Privileg für die Kirchen und wünschte sich, dass es bleiben möge. «Aber warum nicht auch andere Religionsgemeinschaften dazunehmen? Ein Wort zum Wochenende?» Hafner pflichtete bei: Nur die Kirchen im «Wort zum Sonntag» sei nicht mehr zeitgemäss und unausgewogen. Und wie wäre es mit einem NZZ-Blog zum Sonntag? Ribi, etwas überrascht, meinte: «Das ist nicht unmöglich.» Allerdings habe bereits einmal eine Nonne für die NZZ gebloggt.

Nach der Dikussion ging ein kleiner Festakt für die ersten 60 Jahre «Wort zum Sonntag» über die Bühne. Doris Graf von den Reformierten Medien, Willi Anderau vom Katholischen Mediendienst und Nathalie Wappler, SRF-Kulturchefin, sprachen ihren Dank aus und hofften auf mindestens 60 weitere Jahre.

Link zum «Wort zum Sonntag»

Link zum SonntagsTweet