Berner Inselspital: Schwerkranke auf einen Schwatz im Swan-Café

Auch Schwerkranke im Spital haben irgendwann die Nase voll. Sie möchten mal wieder übers Wetter oder Fussball plaudern und erst dann über Krankheit und Tod. In der Palliativ-Abteilung im Inselspital in Bern gibt es Gelegenheit dazu. Freiwillige öffnen immer dienstags das Swan-Café für Patienten, Angehörige und Spitalangestellte.

«Man weiss nie, was einen erwartet», sagt Beatrice Bruderer (stehend im Bild). Sie hat die Freiwilligenarbeit und das Café in der Palliativabteilung mit aufgebaut. (Bild: Marius Schären/reformiert.info)

Sibylle S. ist seit Wochen im Berner Inselspital. Die Chemo-Therapie schlägt nicht an. Es ist ihre dritte und die Ärzte sehen wenig Chancen auf Heilung. Eben hatte sie Besuch. Ihre Tochter war da. Sie brachte den Duft der Strasse ins Krankenzimmer und damit eine frische Note in den Spitalgeruch. Sibylle atmet tief ein und sieht sich durch die Stadt schlendern. Elegant gekleidet sitzt sie in einem Kaffee, hört die Stimmen und geniesst, dass hier alle gesund und normal sind. Ob sie das noch einmal erleben wird? Sie nimmt ihre Faserpelzjacke und schiebt den Infusionsständer Richtung Lift. Die tröpfelnden Medikamente müssen mit, auch jetzt auf dem Weg ins Swan-Haus, einem neueren Gebäude auf dem Insel-Areal. Swan ist der Name der dort stationierten Medikamentenfirma, und Swan-Café heisst auch der mobile Begegnungstreff für Schwerstkranke und ihre Angehörige.

Sehnsucht nach Normalität

In der Lifthalle vor der Palliativabteilung haben zwei Freiwillige das Kaffee eingerichtet: ein paar Tischchen, Stühle, Knabberzeug, Thermosflaschen. Seit Dezember 2014 trifft man sich hier einmal pro Woche. Beatrice Bruderer war von Anfang an dabei. Sie hat die Freiwilligenarbeit in der Palliativabteilung mit aufgebaut und ist meist am Dienstag Nachmittag dabei im Swan-Café. «Man weiss nie, was einen erwartet. Mal kommen ein, zwei Besucher, ein anderes Mal sind es viele. Manche schauen nur kurz vorbei, andere haben das Bedürfnis zu reden. Der Ort soll eine Oase sein, wo etwas wie Normalität stattfinden kann.» Und genau diese Normalität sucht Sibylle S. Sie «parkt» ihren Infusionsständer bei einem der Tischchen und geniesst die Kaffeehaus Athmosphäre. Nein, über ihre Krankheit will sie heute nicht sprechen, auch nicht über den Tod. Jetzt soll alles so sein, wie es vielleicht nie mehr sein wird, normal.

Kaffee zwischen Leben und Tod

«Kürzlich setzte sich eine ganze Familie zu uns ins Kaffee», erzählt Beatrice Bruderer. «Die Angehörigen eines jungen Mannes, der eben gestorben war: seine Eltern, Geschwister, Neffen. Sie weinten, erzählten sich Anekdoten und tranken Kaffee. Wir füllten die Tassen nach und hörten zu. Das war berührend.» Der Einbezug von Freiwilligen ist ein wichtiger Grundpfeiler in der Palliative Care. Gemeinsam mit der reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn und der spitalinternen Seelsorge, hat die Palliativstation des Inselspitals 2013 ein Konzept erarbeitet. Seither ist eine kleine Gruppe von freiwilligen Helferinnen und Helfern im Einsatz. Sie organisieren nicht nur das Swan-Café, sie stehen den Patienten auch sonst zur Verfügung: für Gespräche, Spaziergänge oder zum Vorlesen. Ein Angebot, das dankbar genutzt wird.

Nicht selten setzen sich in der Lifthalle auch Pflegende oder Ärzte an die runden Tische. «Da begegnen sich dann Behandelnde und Patienten auf der gleichen Ebene», sagt die Freiwillige der ersten Stunde, Beatrice Bruderer. «Hier wird man nicht nur als Schwerkranke gesehen. Hier kann man auch einfach mal einen Schwatz halten und Spass haben.» Sibylle S. stimmt ihr lachend zu. «Ja, solange Sie mir hier den Kaffee in der Tasse und nicht als Infusion servieren, können Sie mich zur Stammkundschaft zählen.»

 

Freiwillige gesucht

Informationen für Interessierte: www.palliativzentrum.insel.ch oder bei der administrativen Leiterin PZI; Frau R. Geissbühler, Telefon 031 632 63 20

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Katharina Kilchenmann/reformiert.info