Als Glaube noch greifbar war

Dem Bildersturm der Reformation fielen viele religiöse Skulpturen und Bildwerke zum Opfer. Einige jedoch überdauerten die Jahrhunderte. Eine Ausstellung des Historischen Museums Basel zeigt Gegenstände einer Zeit, als Frömmigkeit normal war.

Eine neue Ausstellung mittelalterlicher Kunst verdeutlicht, wie stark Kirchenfeste das Jahr prägten. (Bild: HMB/Natascha Jansen)

Mitten in Basel hat das Historische Museum ein Stück frommes Mittelalter wiederhergestellt. Umgeben vom weltlichen Treiben der Rheinstadt zeugen im Chor der Barfüsserkirche prunkvolle Skulpturen und ausdrucksstarke Bilder von der tiefen Religiosität der Menschen in der Zeit des 11. bis 16. Jahrhunderts.

Der Glaube versetzte Bündner Berge

Im Zentrum der Ausstellung «Glaubenswelten des Mittelalters» steht ein Marien-Altar. Der Altar wurde im schwäbischen Memmingen von der renommierten Werkstatt Ivo Strigel hergestellt und über die Alpen ins Calancatal im Süden Graubündens gebracht.

Für den Transport zerlegten die Hersteller den Altar in seine Einzelteile und steckten diese in Fässer. (Bild: HMB/Natascha Jansen)

«Strigels Werkstatt exportierte damals im grossen Stil. Da zeigt sich die Mobilität und der Kulturaustausch im ausgehenden Mittelalter», sagt Sabine Söll, Kuratorin des Museums. In den kleinen Bündner Dörfern sei die Infrastruktur für die Herstellung eines solchen Prunkwerks schlicht nicht vorhanden gewesen, erzählt die Kuratorin.

Die Bündner versetzten für ihren Glauben also Berge – zumindest im metaphorischen Sinne. Der Stellenwert des Glaubens in der mittelalterlichen Gesellschaft überrascht nicht. Eindrücklich sind sie dennoch, die lebendig anmutenden Figuren, mit denen die Künstler damals biblische Geschichten und Legenden erzählten.

Mit einem Bild erzählten die Künstler ganze Geschichten. Zum Beispiel die des Heiligen Christophorus, der Jesus und damit die ganze Last der Welt auf seinen Schultern trug. (Bild: HMB/Peter Portner)

Menschen im Bann der Bibelbilder

Die Ausstellung zeigt die Grundlagen des mittelalterlichen Christentums: Jesus und das Kreuz, Maria als Jungfrau, Gottesmutter und Himmelskönigin, Heilige wie Barbara, Christophorus oder Fridolin – und teure Schenkungen von Stiftern, die auf ein gutes, ewiges Leben hofften.

Im Chor der Barfüsserkirche kann man den Glauben fast anfassen. Die Skulpturen haben die Jahrhunderte gut überstanden und faszinieren heute noch. «Glücklicherweise», sagt Sabine Söll. «Während des Bildersturms in Basel wurden zahlreiche kirchliche Bildwerke zerstört.»

Eindrückliche Szenen im Kreuzgang

Die Bilder zogen die Menschen damals noch viel stärker in ihren Bann: Das verwendete Gold verstärkte das Licht. Grosse Augen verliehen den Figuren Ausdruck und hauchten ihnen Leben ein.

«Man kann sich die eindrückliche Szene vorstellen, wenn zum Beispiel das Kreuz aus dem Kloster St. Katharinental am Karfreitag oder bei Totenprozessionen von Kerzen beleuchtet durch den Kreuzgang getragen wurde.»

Visualisierte Bibelgeschichte: Der Palmesel erinnerte an Palmsonntagen an den Einzug Jesu in Jerusalem. (Bild: HMB/Maurice Babey)

 Skulpturen in neuem Licht

Ein Grossteil der Ausstellung stammt aus der Sammlung des Museums. Das vermeintlich Altbekannte hielt dennoch Überraschungen parat. Eine Karteikarte datierte eine Christusfigur auf das 14. Jahrhundert. Eine neue technische Analyse des Holzes im Labor für Ionenstrahlphysik der ETH brachte neue Erkenntnisse. So stammt dieser Jesus gar aus dem 12. Jahrhundert. Altes erscheint mit der Ausstellung in neuem Licht, auch für Sabine Söll: «Es ist bemerkenswert, wie sehr die Kirchenfeste das Jahr prägten. Heute denkt man zu Ostern erst an den Osterhasen und bei Weihnachten an den Weihnachtsmann. Die Feste sind profanisiert und ihre ursprüngliche Bedeutung tritt zunehmend in den Hintergrund.»

Älter als angenommen: der segnende Jesus. (Bild: HMB/Natascha Jansen)

Ausstellungshinweis: «Glaubenswelten des Mittelalters» in der Basler Barfüsserkirche.