Krieg im Nahen Osten
Irans geistliches Oberhaupt ist tot
Nach dem Tod des iranischen Führers Ajatollah Ali Chamenei ist in den Strassen Teherans spontan Jubel ausgebrochen. Bewohner der iranischen Hauptstadt berichteten von Menschen, die vor Freude aus ihren Fenstern schrien. Die Nachricht war unter anderem von iranischen Exilmedien verbreitet worden, die im Iran über Satellit empfangen werden können. Inzwischen ist der Tod auch von iranischen Staatsmedien bestätigt worden.
Seit Samstagmorgen haben Israel und die USA den Iran erneut angegriffen (ref.ch berichtete). Dabei wurde von Israel auch Chameneis Amtssitz in einem Hochsicherheitsbereich der Hauptstadt Teheran bombardiert. Ein vom iranischen Nachrichtenkanal Sabrin-News veröffentlichtes Satellitenfoto zeigte das vollständig zerstörte Areal des als «Beyt» bekannten Bereichs. Es war jedoch unklar, ob sich Chamenei zum Zeitpunkt der Attacke dort aufgehalten hatte.
Dreiköpfiger Rat übernimmt
Sein Tod könnte erhebliche Folgen für das politische System der islamischen Republik haben. «Damit wäre erstmal die zentrale Figur, auf die alles zusammenläuft, ausgeschaltet», sagte der Professor für Islamwissenschaften, Simon Wolfgang Fuchs, von der Hebräischen Universität in Jerusalem der Deutschen Presse-Agentur. «Auf der anderen Seite ist Iran natürlich kein Regime, das nur auf eine Familie baut oder auf einen ganz engen Kreis an Leuten, an denen alles hängt», schränkte er ein. Chamenei habe zudem angeordnet, für alle führenden Positionen im Staat mindestens vier Stellvertreter zu ernennen, damit Befehlsketten nicht unterbrochen würden. Das gelte auch für sein eigenes Amt.
Berichten zufolge soll ein dreiköpfiger Rat vorübergehend das Land führen. Die Verantwortung für die Übergangsphase soll Präsident Massud Peseschkian, Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi und einem Mitglied des Wächterrats übertragen werden. Das erklärte ein Berater des getöteten Chameneis, Mohammed Mochber, der Nachrichtenagentur Mehr zufolge.
Das Trio soll die Aufgaben Chameneis übernehmen, bis der sogenannte Expertenrat, ein Gremium aus 88 einflussreichen Geistlichen, einen Nachfolger benennt. Laut der Verfassung müsse der Expertenrat umgehend einen neuen Führer bestimmen und vorstellen, sagte Mochber.
Mit harter Hand regiert
Der Religionsführer prägte in den vergangenen Jahrzehnten wie kein anderer die iranische Aussen- und Innenpolitik und baute das Land mit den einflussreichen Revolutionswächtern, einer elitären und ideologischen Streitmacht, zu einer Regionalmacht aus.
Nach innen regierte Chamenei mit harter Hand. Kritik an seiner Person wurde nicht geduldet, Proteste gegen das islamische Herrschaftssystem liess er wiederholt blutig niedergeschlagen. Bei den schwersten Massenprotesten seit Jahren wurden im Januar nach Angaben des Aktivistennetzwerks HRANA mehr als 7.000 Menschen getötet. Ausgelöst worden waren die Demonstrationen durch die massive Wirtschaftskrise. Einer der Protestrufe galt Chamenei: «Tod dem Diktator». (sda/ dpa/ no)