Aarau: Frauenpower und andere Energiequellen

Unter dem Motto «Energie – bestärken, bewegen, bewirken» haben sich am vergangenen Sonntag gegen 400 Frauen zur sechsten ökumenischen Frauensynode in Aarau versammelt. Um Energie zu tanken – und Veränderungen in Kirche und Gesellschaft anzustossen.

Selten so nah beieinander: Die Fahnen der Stadtmusik Aarau und der Frauensynode. (Bild: ref.ch/Weymann)

Sie kommen aus Graubünden oder Basel, natürlich aus dem Aargau, einige (wenige) aus der Romandie und dem Tessin, und sogar aus Wien hat sich eine Delegation ins ferne Aarau begeben. Allen Frauen, die da nach und nach auf dem Aarauer Bahnhof eintreffen, ist eins gemeinsam: gute Laune. Die Frauensynode, die seit 1995 etwa alle vier Jahre in der Schweiz stattfindet, ist eine Gelegenheit, alte Bekannte wiederzusehen, Kraft zu tanken und gemeinsam darüber nachzudenken, was noch zu tun ist und wie frau das angehen könnte.

Gut gelaunt trotz schweisstreibender historischer Kostüme sind auch die Musiker (und ein paar Musikerinnen) der Stadtmusik Aarau, die die Frauen (und den einen oder anderen Mann) auf dem Bahnhofsplatz empfangen und sie zum Kultur- und Kongresshaus (KUK) geleiten, in dem das Hauptprogramm stattfindet. So einen Umzug sieht man nicht alle Tage. Schade, dass Aarau noch weitgehend im Sonntagsschlaf liegt.

Von Handtaschen und Trainerhosen

Bei aller Ernsthaftigkeit, mit der im KUK die grossen Themen diskutiert werden, gibt es immer wieder Gelegenheit zum Lachen. Dafür sorgen schon die Einlagen vom «Frölein Da Capo», das mit seinem «Einfrauenorchester» technisch und textlich umwerfend Frauenthemen besingt, vom Chaos in der Handtasche bis zur scheusslichen Trainerhose des Liebsten.

Die zwei Hauptrednerinnen kommen aus ganz unterschiedlichen Lagern. Suzanne Thoma ist CEO der Berner Kraftwerksgruppe BKW, der unter anderem das Kernkraftwerk Mühleberg gehört. Die andere Referentin ist die bald 80-jährige Dominikanerin Ingrid Grave, die früher in der «Sternstunde Religion» und dem «Wort zum Sonntag» zu sehen war.

Während Grave der Ansicht ist, dass «wer aus alten Quellen Profit geschlagen» habe, sich «nicht für neue interessieren» werde, mahnt Thoma vor voreiligen «Schwarz-Weiss-Denken». Die BKW seien wohl ein börsenkotiertes Unternehmen, das Profit machen müsse. Aber gute Aktienkurse seien eben auch wichtig für die anlegenden Pensionskassen – und damit für das Portemonnaie der Frauen im Publikum.

  • Gut gelaunt am Start: Susanne Andrea Birke (römisch-katholisch) und Sabine Brändlin (reformiert) aus dem Organisationsteam.

Insgesamt sei die «Energieversorgung global im Umbruch». Inzwischen sei man sich der Tatsache bewusst, dass die Atmosphäre nur noch ein Fünftel der fossilen Energiereserven aufnehmen könnte, damit das Klimaziel einer Erwärmung von nicht mehr als zwei Grad erreicht werde. China unternehme gerade gewaltige Anstrengungen, um die Luftverschmutzung zu reduzieren, auch Deutschland habe sich auf den Weg zu einer Energiewende gemacht. Die Schweiz dagegen sei hier «ganz weit zurück». Der Grund: «Wir sind ein Volk von Ökonomen.» Wenn Fotovoltaik oder Wasserkraft sich nicht rechneten, würde eben darauf verzichtet. Neben der Förderung alternativer Energie müsse ein Umdenken im Lebensstil stattfinden. «Wir tun mehr für die Umwelt, wenn wir unseren Fleischkonsum einschränken, als wenn wir mit dem Velo zum Supermarkt fahren, um dort ein Steak zu kaufen», so Thoma.

Und wie sieht es mit dem eigenen Energielevel aus? Um den Burnout zu vermeiden, müsse man Brennstoff nachlegen, so Grave. Der Mensch tanke «Energie aus Gottesglut». Deshalb sei im Ordensleben, in dem oft nur noch ein «Fünklein unter der Asche» wahrnehmbar sei, der Rhythmus von Arbeit und Gebet fundamental. Auch Thoma gönnt sich Momente der Stille.

Vorschreiben geht nicht

Beide sind sich einig, dass der Energiekonsum in der Schweiz verringert werden muss. Dazu kann nach Thoma die technologische Entwicklung beitragen. Aber es brauche auch einen «Bewusstseinswandel». Das Problem: Man könne den Menschen nichts vorschreiben. «Jeder hat Gründe, so zu handeln, wie er es tut, und diese Gründe sind selten ganz blöd.»

Für Erheiterung sorgt die Frage von Moderatorin Carmen Frei, was die beiden tun würden, wenn sie eine Woche die Rolle der anderen einnehmen sollten. Dazu Grave: «Ich würde mir in dem Betrieb natürlich zuerst mal die Männer ganz genau anschauen.» Klar, wer im normalen Alltag vor allem mit Frauen zu tun hat, muss zuerst das Funktionieren einer Männergesellschaft wie der Belegschaft der BKW studieren. Umgekehrt natürlich auch.

Auf die Frage nach ihrem Wunsch an die Synode sagt Thoma, sie habe den Eindruck, dass Frauen in der katholischen Kirche «noch mehr am Rand stünden als in der Wirtschaft». Sie frage sich manchmal, «ob die Frauen in der Kirche zu geduldig sind.» Energischer Widerspruch von Grave: «Ich bin immer ungeduldig.» Aber die Veränderung müsse von innen heraus geschehen. Man müsse auch manchmal den Mut haben, etwas zu tun, was «offiziell nicht in Ordnung» sei. «Und das mache ich auch.»

Weltveränderung und Gekritzel

Der Nachmittag ist einem guten Dutzend Workshops gewidmet: Frauenstadtrundgang durch Aarau, Energie für die Weltveränderung einsetzen oder Energie tanken durch absichtsloses, hingebungsvolles Gekritzel – für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Bei der Abschlussfeier in der katholischen Kirche gibt es auf reformierter Seite auch männliche Player. SEK-Ratspräsident Gottfried Locher und der aargauische Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg sprechen Fürbitten und nehmen an der Austeilung von Brot und Wein teil, die haarscharf noch nicht ein gemeinsames Abendmahl ist. Die katholischen Frauen wollen lieber unter sich sein und haben auf die Einladung von bischöflichen Würdenträgern verzichtet. Und dann wird das Licht der Frauensynode weitergegeben an die Frauen aus der Innerschweiz. Sie fangen jetzt schon an, die nächste Frauensynode vorzubereiten. Diese findet 2020 in Luzern statt.