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Im Namen der Justiz und der Bibel

Der 44-jährige Rolando Ruiz wurde am 7. März in Texas hingerichtet.
(Bild: Andreas Hausammann) Der 44-jährige Rolando Ruiz wurde am 7. März in Texas hingerichtet.

Als 20-Jähriger hatte er eine Frau mit einem Kopfschuss getötet, über 20 Jahre danach wurde Rolando Ruiz in Huntsville, Texas, durch die Giftspritze hingerichtet. Andreas Hausammann, Popularmusiker bei der St.  Galler Kantonalkirche, hat ihn auf dem letzten Weg begleitet.

«Um 23 Uhr Ortszeit ist mein Freund und Bruder Rolando im Todeszimmer schnell und friedlich eingeschlafen. Die letzten Worte, die er an uns richtete, waren: ‚I am at peace. Jesus Christ is Lord. I love you all’», erzählt der St. Galler Kirchenmusiker Andreas Hausammann. Zuvor warteten er und der Halbbruder von Rolando Ruiz im Gefängnis, bangend und hoffend. Denn hinter den Kulissen strebten Ruiz‘ Anwältinnen eine erneute Aufschiebung der Exekution an. Sie machten geltend, Ruiz habe über zwanzig Jahre in Einzelhaft verbracht, was der amerikanischen Verfassung widerspreche. Vergeblich: Der Gerichtshof sah es anders.

Weniger Todesstrafen vollzogen

Trotzdem zeichnet sich beim Urteil über Rolando Ruiz ein Silberstreifen am Horizont ab. Denn ein Bundesrichter des Supreme Courts nahm die Argumentation der Anwältinnen ernst. Er sah, dass Ronaldo einen neuen Weg eingeschlagen hatte und liess diese Besserung in die juristische Beurteilung einfliessen, wollte von der Exekution absehen. Noch war er allein mit dieser Meinung, doch lässt dieses Umdenken für weitere Urteile hoffen. «Wir können in den USA einen positiven Trend hin zur Abschaffung der Todesstrafe und zu weniger Todesurteilen feststellen», bestätigt Patrick Walder von Amnesty Schweiz. Waren es 1998 noch 295, sind es 2016 noch 30 gewesen. «Seit 1973 durften in den USA 156 Personen den Todestrakt verlassen, weil sie ihre Unschuld beweisen konnten», so Walder. Diese Zahl sei dank der DNA-Analyse im Steigen begriffen.

Aug um Aug, Zahn um Zahn

In den USA kennen 31 der 50 Bundesstaaten die Todesstrafe. «Die Weissen haben Amerika mit Waffe und Bibel erobert und regieren noch immer damit», zitiert Patrick Walder einen Blackpower-Aktivisten. Diese Siedlergeschichte wirke mit dem Kult um das Waffentragen bis heute nach. Der Amerikaner wolle das Recht selber in die Hand nehmen und es gemäss der Bibel «Aug um Aug, Zahn um Zahn» umsetzen. Das Justizsystem selbst ist demnach weniger auf Rehabilitation, sondern auf die Bestrafung des Täters ausgerichtet. In Texas ist dies am auffälligsten. Der Bundesstaat vollzog mit dem Tod von Rolando Ruiz seit Einführung der Todesstrafe 1976 schon die 541. Hinrichtung.

«Es ist schwierig, einen Freund zu verlieren, unter diesen Umständen umso mehr», erzählt Andreas Hausammann. Anderseits habe er, zusammen mit der Familie, feiern und dankbar sein dürfen, wie sich Rolando entwickelt hatte. «Er hat den Mitgefangenen Mut zugesprochen, war Seelsorger in der Todesabteilung. Dies bestätigten auch die Gefängnispfarrer», so der St. Galler. Der Glaube habe Rolando getragen, ihm jegliche Angst und Verzweiflung genommen. Dies sei ein grosser Trost.

Brieffreundschaften in die Todeszelle

Andreas Hausammann besuchte vor 17 Jahren eine Veranstaltung der Basler Organisation «Lifespark». Sie setzt sich gegen die Todesstrafe ein und hat seit ihrer Gründung 1993 rund 1’500 Brieffreundschaften zu Insassen in amerikanischen Todeszellen vermittelt. «Für die Gefangenen ist dieser Kontakt ein Fenster zur Aussenwelt und oft einfach auch eine Beschäftigung. Sind sie doch meist 23 Stunden allein in einer winzigen Zelle eingesperrt und haben keinerlei soziale Kontakte», erklärt Claudia Tramèr von Lifespark. Auch Andreas Hausammann lernte Rolando Ruiz durch eine solche Brieffreundschaft kennen. Nach ein paar Jahren besuchte er den Texaner im Gefängnis, seither flog er immer wieder nach Texas.

Zweimaligen Aufschub erwirkt

Als 20-jähriger machte Ruiz, wie er bekannte, «den schlimmsten Fehler, den ein Mensch je machen kann». Der Texaner mit mexikanischer Abstammung, drogenabhängig und aus schlimmsten Verhältnissen, tötete eine junge Frau per Kopfschuss. Für den Auftragsmord soll er 2’000 Dollar erhalten haben. Die Auftraggeber schielten dabei auf die Lebensversicherung des 29-jährigen Opfers und hofften auf die Auszahlung der Todesfallprämie von 400’000 Dollar.

Nach seiner Verhaftung fand Rolando Ruiz im Gefängnis durch die Bibel zum Glauben, wurde clean. Vor zehn Jahren setzte die Strafbehörde den ersten Hinrichtungstermin fest. Zweimal konnten die «Texas Defender Services», ein Team von Anwälten gegen die Todesstrafe, einen Aufschub erwirken. Bis am 7. März. Kurz vor seiner Hinrichtung, so berichtet Hausammann, wandte sich Ruiz an die Hinterbliebenen seines Opfers, mit der Hoffnung, seine Worte mögen Frieden und Vergebung bringen.

 

Katharina Meier/Kirchenbote

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

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Am meisten Hinrichtungen in China

2015 wurden gemäss Amnesty Schweiz mindestens 1'634 Personen in 25 Ländern hingerichtet. Das ist die höchste Zahl von Hinrichtungen seit mehr als 25 Jahren und eine Zunahme von über 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die meisten Hinrichtungen fanden in China, Iran, Pakistan, Saudi-Arabien und in den USA statt – in dieser Reihenfolge. Mindestens 20'292 Menschen sassen Ende 2015 im Todestrakt. Weltweit haben inzwischen 70 Prozent aller Staaten die Todesstrafe aus ihren Strafgesetzen gestrichen. Laut Amnesty ist ein globaler Trend zur Abschaffung der Todesstrafe feststellbar. 57 Staaten halten weiterhin an ihr fest.

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