Zwischen dem Amboss Globalisierung und dem Hammer Tradition

«The Civil Wars» heisst Milo Raus Stück, das am Zürcher Theater-Spektakel zu sehen war. Das Werk hätte Hinweise auf das Entstehen des Salafismus liefern sollen. Hat es das wirklich? Ein bisschen schon. Eine Theaterkritik.

Johan Leysen (links) und Sébastien Foucault.
Europäische Erinnerungen: Johan Leysen (links) und Sébastien Foucault. (Bild: ZTS/Christian Altorfer)

Angekündigt war mit «The Civil Wars» eine dokumentarische Suche nach den Wurzeln des Salafismus in Belgien. Autor dieses interessanten Projekts ist der Schweizer Regisseur Milo Rau, bekannt durch sein provozierendes Doku-Theater («Hate Radio», «Breiviks Erklärung»). Löst das Stück den Anspruch ein? Nach zwei Stunden Spielzeit muss man sagen: in einem gewissen Sinne durchaus, wenn teilweise etwas sehr frei assoziierend.

Plätschernde Klaviermusik

Die Schauspieler spielen sich selbst, wobei offen bleiben muss, wie fiktiv das Stück wirklich ist. Sébastien Foucault erzählt in einem Vorspann, wie er den Vater eines belgischen Jihadisten besucht hat, der erfolglos versucht hatte, den Sohn aus Syrien zu holen. Danach erläutern vier Personen abwechselnd ihre Biographien auf der Bühne, die aus einer Stube mit Sofa, Bildern und Nippes besteht. Das Ganze wird gleichzeitig gefilmt und auf Leinwand übertragen, auf der hin und wieder auch Fotos und andere Memorabilien auftauchen, dezent grundiert von angenehm plätschernder Klaviermusik.

Da ist zunächst Karim Bel Kacem, dessen Leben direkt mit Salafismus zu tun hat. Er schildert zum Beispiel konzis, wie er der Faszination des radikalen Islams erlag, er, dessen Familie ursprünglich aus Marokko stammt und dessen Vater kein radikaler Islamist war, dafür ein gewalttätiger und trunksüchtiger Patriarch. Ganz natürlich hört es sich an, wenn Karim erzählt, wie er mit den Islamisten nach Nine Eleven gefeiert habe: «Das war wie beim Fussballmatch Islam gegen USA. Und wir haben ein Tor geschossen. Allerdings eines, bei dem es 5000 Tote gegeben hat.»

Alternativ-revolutionäres Milieu

Bei den Biographien der anderen drei Schauspieler ist nicht ohne weiteres erkennbar, was sie mit Salafismus zu tun haben sollen. Denn die Lebensgeschichte, die Sara De Bosschere vorträgt, besteht vor allem aus einer Kindheit im alternativ-revolutionären Milieu. Sie erzählt schonungslos und eindringlich, wie es mit ihrem politisch aktiven Vater immer mehr bergab ging und er schliesslich in einem Pflegeheim verdämmerte.

Auch Sébastien Foucaults Jugend war kein Zuckerschlecken, aber der Islam ist auch hier nicht zu finden. Dafür schon wieder ein Vater, der immer mehr hinabglitt, vom Unternehmer zum Vertreter zum Versager. Beim Schauspieler Johan Leysen schliesslich ist weder ein Vater noch radikale Religion Thema (oder der Schreibende hat es nicht gemerkt). Leysen erzählt etwa mit sonorer, tiefer Stimme von seinem amüsanten Engagement bei Jean-Luc Godards Film «Je vous salue, Marie» (wo Leysen 1985 tatsächlich mitgewirkt hat).

Metaphysische Obdachlosigkeit

Doch erkennt man bei drei Biographien schnell das Muster, dass religiösen Fanatismus den Weg ebnen kann: den fehlenden gütigen Vater. Seine Abwesenheit, so legt das Stück nahe, bedeutet Heimatlosigkeit und metaphysische Obdachlosigkeit, die weiss Gott wohin führen können. Allerdings haben Sara und Sébastien mit ihrer Vaterlosigkeit einen Umgang gefunden und müssen keine Bomben werfen.

Schliesslich erzählt Sébastien in einem Nachspann, dass es dem Vater beim zweiten Mal gelungen sei, den Sohn aus Syrien herauszuholen. Dieser Vater habe den Sohn aber trotzdem für immer an die religiösen Fundamentalisten verloren.

Man könnte Milo Rau nun vorwerfen, das Stück sei zu assoziativ-willkürlich zusammengebastelt und habe mit dem Phänomen Salafismus nicht viel zu tun. Doch das wäre vermutlich vorschnell geurteilt: Denn Rau entwirft ein exemplarisches Panorama mit vier Menschen, in diesem Fall von Schauspielern: Sie sind irgendwo in gesichtslosen Vorstädten aufgewachsen und ihre Väter zwischen dem Amboss Globalisierung und dem Hammer Tradition pulverisiert worden. Die Kinder, moderne Waisen, sind drauf und dran, sich ebenfalls zu verlieren. «Civil Wars» bekommt eine neue Bedeutung.

Europäische Untersuchung

«So what» könnte man sagen. Dass fehlende Väter eine empfindliche Lücke hinterlassen, ist keine revolutionäre Erkenntnis. Die gelassene Eindringlichkeit, mit der die vier offen, beklemmend, auch unterhaltend erzählen, macht diese europäische Untersuchung aber auf jeden Fall sehenswert.

 

Weitere Aufführungen in der Schweiz: Kaserne Basel am 2., 3. und 4. Oktober, 19.30 Uhr