Herr Stöhlker, einzelne Medien vergleichen Fifa-Präsident Sepp Blatter mit einem Mafia-Boss, obwohl er bisher nie strafrechtlich belangt wurde. Warum neigen Medien derart zu Vorverurteilungen?
Der Walliser Sepp Blatter, der seit vierzig Jahren für die Fifa arbeitet, wurde auf einer Erfolgswelle nach oben getragen, weil er den Weltfussball begründet hat. In der gleichen Zeit war die Kommunikation nur ein Nebengeschäft. Jetzt ist die Welt darauf aufmerksam geworden, dass die Fifa ein Milliarden-Unternehmen ist. Das Interesse ist gross, die Fifa unter Kontrolle zu bringen.
Das allein kann doch nicht der Grund sein?
Die Fifa ist ein glänzendes Geschäft. Man begreift erst jetzt, dass hier enorme Summen fliessen und sich Vertreter einzelner Kontinente im Rahmen der komplizierten Fifa-Struktur auf eine Art bereichert haben, die in unserem Kulturbegriff als unanständig gilt.
Im Neuen Testament erklärt Jesus: Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Das Mediengeschäft funktioniert scheinbar ganz anders.
Dieses Steinewerfen hat damit zu tun, dass wir in einer hysterischen Zeit leben, die durch Medien und Marketing zusätzlich angeheizt wird. Die Gesellschaft will nicht einfach das Gute hören. Das Gute ist langweilig. Die Öffentlichkeit will sehen, wie Throne aufgerichtet werden und Throne zusammenbrechen. Sie liebt Skandale über alles, um sich zu spüren. Wir sind süchtig nach Skandalen. In diesem Fall trifft es Sepp Blatter.
Die Bibel geht sogar noch weiter: Urteile nicht, damit du nicht verurteilt wirst.
Ich liebe die Bibel. Sie ist ja ein ungeheuer anregendes Buch. Doch ohne zu urteilen, können wir nicht leben. Wenn ich mich mit Pfarrern, Priestern bis hinauf zum Bischof unterhalte, erlebe ich, wie sich diese bei jedem Urteil zurückhalten. Das macht ein Gespräch mit der Geistlichkeit schwierig. Ein normaler Mensch lebt davon, dass er urteilt. Wenn ich ein Urteil über eine Person treffe, dann geschieht dies, um etwas voranzubringen oder um mich zu schützen. Menschen sind gezwungen, zu urteilen. In der Schweiz ist das Urteilen gefährlich. Wenn ich über einen Politiker sagte, der gefällt mir nicht, dann trägt man mir dies noch zwanzig Jahre lang nach.
«Prominente sind edles Wild. Sie zu jagen, gehört zu den wunderbarsten Übungen der Medien.»
Das Urteilen droht rasch zu Verurteilung zu werden.
Auch das Verurteilen gehört dazu. Wir leben in einer Wettbewerbsgesellschaft, in der die Konkurrenz versucht, uns hinauszudrängen.
Die Kirche unterscheidet zwischen Sünde und Sünder. Jeder Mensch kann sich ändern und verdient eine zweite Chance. Es scheint, dass die Gesellschaft unbarmherziger ist.
Ja. Das ist eine Art von Notwehr. Unsere heutige Gesellschaft, gerade in der Schweiz, ist enorm gestresst. Die alten Leute haben Angst vor der Zukunft. Der Mittelstand wird bedrängt von Ausländern jeglicher Couleur, die ihre Jobs bedrohen. Ihre Aufstiegschancen sind beschränkt, weil nicht mehr nur Schweizer Kaderstellen besetzen und Ausländer billiger sind. Und die Jungen fürchten um ihre Zukunft. Sie fragen sich, wo sie eine Stelle finden und ob sie jemals AHV beziehen werden. Die Schweizer Gesellschaft steht unter einem gewaltigen Druck. In solchen Zeiten sucht man ständig Schuldige. Das kann der Nachbar sein, der Migrant aus Exjugoslawien oder Flüchtlinge aus Afrika. Man markiert Schuldige für das eigene Elend.
Auch Prominente können zu solchen Schuldigen werden?
Das ist edles Wild. Prominente zu jagen, gehört zu den wunderbarsten Übungen der Medien. Nur wer edles Wild erlegt, macht Karriere. Mit Kleinwild, etwa Hasen, kommt man nicht voran. Wer jedoch einen Zwölfender schiesst, einen Sepp Blatter oder einen Bundesrat zum Beispiel, erklimmt die Karriereleiter. Das bedeutet bessere Position und höheres Einkommen.
Müssen uns die Prominenten also leidtun?
Nein. Die Firmen haben gelernt, sich mit Kommunikationsberatern zu verbarrikadieren. Denken wir an Novartis, an Nestlé oder ABB. Viele Unternehmen gehen damit professionell um. Wer das nicht tut – das war bei der Fifa in den letzten Jahren der Fall –, der wird von dem Medien-Tsunami überrascht.
Klaus J. Stöhlker: Lobbyist im Dienst des Präsidenten
Klaus J. Stöhlker, Jahrgang 1941 stammt aus Ludwigshafen, Deutschland. Seit 1970 ist er PR-Berater in der Schweiz. 1982 gründete er in Zollikon die Klaus J. Stöhlker AG, Unternehmensberatung für Öffentlichkeitsarbeit, die vorwiegend Unternehmen und Verbände berät. 2003 übergab er die Geschäftsführung der Firma seinen Söhnen, verblieb aber im Verwaltungsrat. Den Fifa-Präsidenten Sepp Blatter unterstützte er während dessen Wahlkampf als Berater.
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Tilmann Zuber, Interkantonaler Kirchenbote