Wie Prominente glauben

Das vor kurzem erschienene Buch «Wie hast du’s mit der Religion?» versammelt Gespräche über «Gott und die Welt» mit 27 Schweizer Persönlichkeiten von Peter Bichsel, Franz Hohler über Polo Hofer bis Jean Ziegler. «Es geht darum, die existentiellen Fragen neu zur Sprache zu bringen», sagt Ko-Autor Wolf Südbeck-Baur.

Die Schauspielerin Mona Petri, die zurzeit in der Serie «Der Bestatter» zu sehen ist, arbeitet auch als Altenpflegerin. Diesen Dienst versteht sie als «Verneigung vor dem Leben». (Bild: Wolf Südbeck-Baur)

Herr Südbeck-Baur, welche der Persönlichkeiten, die Sie in Ihrem Buch befragen, hat Sie am meisten beeindruckt?
Die Schauspielerin und Altenpflegerin Mona Petri. Sie ist vielen bekannt als Tatort-Darstellerin. Diese Verneigung vor dem Leben, die sie aus ihrer Arbeit als Altenpflegerin zieht, hat mich sehr beeindruckt. Sie sagt, dass sie mit dieser Tätigkeit dem Leben dient und es nicht die Aufgabe einer Pflegerin ist, die Biografie von alten Menschen moralisch zu beurteilen, sondern einfach da zu sein, mitzuhelfen, das Leben voll und echt zu machen und zu gestalten auch im Sterben und im Tod. Das berührt mich tief. Das bringt bei mir die religiöse, transzendentale Saite zum Schwingen. Das sind Worte, die über das Einmaleins der gewohnten Alltagssprache hinausweisen. Ich finde das wunderbar, weil es das Leben in seiner Ganzheit in den Blick bringt.

 

In Ihrem Buch stellen Sie die Gretchenfrage «Wie hast du’s mit der Religion?» Intellektuellen, darunter vielen Persönlichkeiten aus der Kunst- und Kulturszene. Glauben diese anders als Herr und Frau Schweizer?
Dass viele Kulturschaffende, Schriftsteller und Künstler im Buch vertreten sind, macht Sinn. In der Regel beschäftigen sie sich intensiv mit existentiellen Fragen und verarbeiten sie in ihrer Kunst und Literatur. Darum lesen wir ja so gerne Bücher von Peter Bichsel, Peter Stamm, Eveline Hasler oder Lukas Hartmann. Sie fragen nach Sinn und Unsinn des Lebens, nach Liebe und Geborgenheit, nach Religion, nach dem Leben und auch dem Tod. Das ist der Grund, warum Schriftsteller so gefragte Leute sind. Es trifft aber nicht zu, dass wir nur mit Intellektuellen gesprochen haben. Den Musiker Polo Hofer zum Beispiel würde ich als Mann des Volkes bezeichnen wie auch TV-Moderator Röbi Koller und die Sängerin Sina. Insofern ist ein breites Spektrum vertreten. Das war uns auch ein Anliegen. Wir wollten Religion und die Sinnfragen ins Gespräch bringen mit Persönlichkeiten, die in der religiösen Sprache nicht so zu Hause sind wie Pfarrer.

 

Die Mehrheit der Gesprächspartnerinnen und -partner nimmt eine agnostische Haltung ein. Sie sehen den Glauben in erster Linie als Kulturgut. Dennoch sind ihnen Rituale und Spiritualität wichtig. Ist das die Art, wie man heute glaubt?
Viele sind nicht religiös im institutionell kirchlichen Sinn oder im Sinne der kirchlichen Lehre. Aber die Trennung zwischen Gottesliebe und Menschenliebe finde ich künstlich. Wenn man den Menschen und das Leben liebt, liebt man auch Gott. Es geht darum, die existentiellen Fragen neu zur Sprache zu bringen, neue Worte dafür zu finden. Und wenn jemand sagt, «Kunst ist für mich beten» oder «Altenpflege ist eine Verneigung vor dem Leben» – ja was ist das anderes als ein quasi-religiöser Ausdruck über die Würde des Lebens?

 

Auffallend ist, dass praktisch alle Befragten der Institution Kirche kritisch bis ablehnend gegenüberstehen.
Das entspricht einem breiten Erfahrungshorizont. Religionssoziologische Studien zeigen, dass die religiöse Sprache bei immer weniger Menschen ankommt und die Kirchen deswegen ständig Leute verlieren. Aber ich muss etwas relativieren: Es gibt im Buch etliche Interviewpartner, die eine dezidiert andere Meinung vertreten wie Maya Graf, Josef Lang und Jean Ziegler. Sie betonen stark den politischen Aspekt der Religion. Sie weisen auf die Sprengkraft der Bergpredigt hin. Sie stufen Religion als ein wertvolles und für sie orientierungsgebendes Element ein, geradezu als eine Leitplanke ihres Lebens.

 

Gerade Politikerinnen und Politiker betonen gern, dass der Glaube Privatsache sei.
Das kann ich nicht nachvollziehen. Religion ist für mich keine Privatsache, sondern eine öffentliche Sache, die selbstverständlich politische Implikationen und Konsequenzen hat.

 

Wie müssten die Kirchen darauf reagieren, dass sie bei immer weniger Menschen ankommen?
Ich bin überzeugt, dass die heutige gesellschaftliche Situation mit der Migrations- und Flüchtlingsfrage den Kirchen eine Steilvorlage liefert, um mit überzeugendem Handeln ihre Botschaft für ein gelingendes Leben zu verbreiten. Die Kirchen sollten da sein für diejenigen, die unten sind, keine Kleider haben, hungern und sich auf der Flucht befinden. Hier haben die Kirchen mit ihrer Infrastruktur alle Möglichkeiten, als Vorbild aufzutreten. Indem sie für eine menschliche Begegnung mit den Flüchtlingen sorgen, zeigen sie ihre Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

Die Gespräche zeigen auch, dass die Kirchen dann ein Thema sind, wenn es um den Tod geht. Da sind Rituale wie die Abdankung gefragt.
Ja, natürlich. Die Rituale an den Schnittpunkten des Lebens, Taufe, Heirat, Tod, sind eine ganz wichtige und gute Gelegenheit, den Menschen anzusprechen und die Botschaft zu verkünden, die das Evangelium für uns bereithält, nämlich die der befreienden Liebe Gottes.

 

Einige der Interviews im Buch haben Sie vor einigen Jahren geführt. Warum sind sie noch aktuell?
Fragen nach dem Sinn des Lebens, Tod und Sterben, Religion und Transzendenz beschäftigen die Menschen zu allen Zeiten und immer wieder neu. Da dieses Buch über einen längeren Zeitraum von mehreren Jahren entstanden ist, ist es auch ein Spiegel dieser bleibenden Aktualität.

 

Interview: Karin Müller/Kirchenbote

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».