Die Station 3 des Hochsicherheitstrakts der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich in Rheinau kann zehn Patienten aufnehmen und ist immer voll. Fünf Zimmer sind videoüberwacht, eines heisst Sicherheitszimmer. Diese Art von Klinik gibt es nur einmal in der Schweiz.
Das Gebäude sieht von aussen wie ein Militärstützpunkt aus. Gelbe Backsteinwände, darüber meterhohe Gitter, zuoberst Stacheldraht. Es gibt einen Innenhof mit einem begehbaren, massiv umzäunten Aussenraum für die Patienten. Hier kommt so leicht keiner raus oder rein.
In diesem Hochsicherheitstrakt sind psychisch akut erkrankte Menschen, die ein Delikt begangen haben. Es sind Mörder, Brandstifter, Vergewaltiger, meistens schizophren und mit komplexen Krankheitsbildern, die im Gefängnis nicht behandelt werden können.
Angespannte Stimmung
«Heute ist die Stimmung angespannt», sagt eine Pflegefachfrau im Stationszimmer, «es kann jeden Moment aggressiv werden.» Sie zuckt mit den Schultern. Alltag in der Station 3. Im Gemeinschaftsraum legt Klinikseelsorgerin Carola Jost Krippenfiguren und farbige Sterne auf ein Tischchen. Ein E-Piano wird installiert.
Zwei, drei Patienten schauen aus der hellblauen Sitzgruppe zu oder wandern herum. Sie tragen alle Kapuzenpullover, Trainerhosen und Turnschuhe ohne Schnürsenkel. Alles ist verboten, was gefährlich für sie oder andere werden könnte.
«Ist jemand von Ihnen fröhlich?»
Das E-Piano klingt durch Station 3. Acht Patienten sind bei der Feier um 15 Uhr zugegen, einige laufen weg, kommen wieder. Hände zittern, die Gesichter bleich, die Blicke meist apathisch. Vier Pfleger überwachen die Situation und verständigen sich mit Zeichen.
Man singt «O du fröhliche». Gottfried Locher spricht, es hallt wie in einer Kirche: «Auch für mich ist Weihnachten manchmal komisch. Ich bin dann angespannt. Ist jemand von Ihnen fröhlich?» – «Ich bin fröhlich», ruft ein Patient.
Locher liest die Weihnachtsgeschichte vor und Jost anschliessend ein Märchen. Sie möchte von allen Wünsche für das neue Jahr hören und schreibt sie auf die farbigen Sterne:
Die Patienten:
«Freiheit.»
«Dass die Feiertage bald vorbei sind und ich nach Hause kann.»
«Eine Ausbildung.»
«Die ganze Bibel lesen.»
«Dass ich zurück nach Eritrea kann.»
«Ohne Folter. Offene Türen und Fenster.»
Die Pfleger:
«Gesundheit.»
«Zufriedenheit.»
«Gute Freizeitplanung.»
«Dass die Wünsche in Erfüllung gehen.»
Der Kirchenbundspräsident:
«Mehr Zeit für mich.»
Der Schreibende:
«Versöhnung.»
Die Seelsorgerin:
«Schöne Musik.»
Jost klebt die Sterne auf die Fenster, die auf den Innenhof gehen. Man singt «Stille Nacht». Locher spricht einen Segen: «Friede mit euch allen. Amen.» – «Peace!», ruft ein Patient. «Peace, ja, Peace für uns alle», sagt Locher. Jost bittet den Patienten nach vorne, er will spontan «Hallelujah» von Leonard Cohen singen. Die Pianistin begleitet ihn.
Er singt:
«Baby, I was here before.
I know this room, I’ve walked this floor.»
Er singt:
«It’s not somebody who has seen the light.
It’s a cold and broken Hallelujah.»
Er singt:
«Maybe there’s a God above.
Hallelujah, Hallelujah.»
Langsam stimmen die Anwesenden ein. Er singt immer intensiver und ist ganz bei sich, es vibriert und schwirrt etwas durch den Raum. Mit dieser Performance hat niemand gerechnet. Stille. Dann Applaus von allen. «Dieser Song ist ein grosses Geschenk», sagt Jost.
Die Stimmung ist nun gelöst. Locher geht mit einigen Patienten durch den Aussenraum, und sie zeigen ihm ihre Zimmer. Dann gibt es Geschenke für alle (Locher verteilt Reformationsschokolade), Kuchen und Kaffee. Es entwickeln sich vorsichtig Gespräche zwischen Patienten und Gästen, und auch die Pfleger entspannen sich.
Feiertage sind oft hart
«Diese Feier war spezieller als vor einem Jahr», sagt ein Pfleger. «Neue Gesichter, das hilft. Die Patienten können erzählen und interessieren sich für die Gäste. Feiertage sind oft hart, die Patienten haben kaum Besuch.»
Die Zeit läuft ab. Locher schüttelt allen die Hand. «Frohe Weihnachten und danke für die Gastfreundschaft!», ruft er. Drei schwere Türe schliessen sich nacheinander. Draussen scheint noch immer die Sonne. Als wäre es Frühling.