«Syrien ist die grösste Operation in den letzten fünfzig Jahren»

Auch in Konflikten gelten gewisse Rechte. Doch diese werden zunehmend missachtet, beobachtet Peter Maurer, der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Deshalb braucht es politische Anstrengungen und Engagement, um über die Umsetzung der Rechte zu verhandeln.

Peter Maurer: «Meine Funktion als Präsident des IKRK besteht darin, Staaten an ihre Verantwortung zu erinnern.»
Peter Maurer: «Meine Funktion als Präsident des IKRK besteht darin, Staaten an ihre Verantwortung zu erinnern.» (Bild: ICRC)

Herr Maurer, wir befinden uns in der Ausstellung «Parcours Humain», die mit Kunst für Menschlichkeit in Zeiten von Flüchtlingsströmen sensibilisieren will. Sie befinden sich von Berufs wegen regelmässig in Konfliktgebieten. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie der künstlerischen Verarbeitung von Flucht und Elend gegenüberstehen?
Es überrascht mich, dass persönliche Erlebnisse manchmal einfacher zu verarbeiten sind als die Eindrücke einer Kunstausstellung. Kunst bringt Dinge auf den Punkt, spitzt sie zu und regt an, über aktuelle Themen nachzudenken – zu überlegen, was wir erleben.

 

Das humanitäre Völkerrecht besagt: Zivilisten gilt es im bewaffneten Konflikt zu schützen. Wieso werden Zivilisten trotzdem immer häufiger Opfer von Gewalt?
Besteht über die Wichtigkeit dieser Rechte einen Konsens, werden sie umgesetzt. Derzeit erleben wir in gewissen Konflikten, dass genau dieser Konsens fehlt und das humanitäre Völkerrecht nicht zur Anwendung kommt. Nehmen wir mein Gespräch mit einem Kommandanten als Beispiel, der gegen die syrische Regierung kämpft. Da wurde klar: Er kennt die Genfer Konventionen so gut wie ich. Er hält sie aber nicht ein, weil er nicht daran glaubt, dass die Gegenseite sich daran hält.

 

Wie wirkt das IKRK dem entgegen?
Wir suchen den Dialog mit den Menschen und begleiten sie in der Rechtsanwendung. Eine unserer Kerntätigkeiten ist es, den fehlenden Konsens wiederherzustellen. Wir vermitteln Recht nicht als eine abstrakte Disziplin, sondern wir sensibilisieren durch humanitäre Arbeit Gemeinschaften für die Bedeutung von Regeln. Wir klären beispielsweise lokale Gemeinschaften über ihre Rechte auf und wie sie diese gegenüber der Regierung einfordern können, ohne dass es zu Gewalt kommt. Wir erleben immer wieder: Rechtsanwendung hat viel mit dem Dialog zwischen zwei Parteien zu tun.

 

Sie appellieren an Regierungen, ihrer humanitären Verantwortung nachzukommen. Was muss geschehen?
Meine Funktion als Präsident des IKRK besteht darin, Staaten an ihre Verantwortung zu erinnern. Kriege geschehen nicht einfach so, sondern sind die Folge von Interessen und Prioritäten. In Verhandlungen mit Staaten genügt der Appell an die Menschlichkeit nicht. Man muss auch Interessen und Finanzargumente ins Zentrum rücken: Was sind die Kosten für die Situation? Welche Konsequenzen hat die Krise für die Volkswirtschaft für die Region? Ich will keine ökonomisch fokussierte Diskussion führen. Menschen zu schützen, ist ein Wert für sich. Aber Menschlichkeit muss von einer intelligenten Politik begleitet werden, die Prioritäten so setzt, sodass Menschen geschützt werden.

 

Was Antworten Sie jemandem, der die fehlende Präsenz des IKRK in Syrien kritisiert?
Das IKRK ist der grösste humanitäre Akteur im ganzen Syrienkonflikt. Syrien ist die grösste Operation in den letzten fünfzig Jahren des IKRK: Wir haben 400 Leute vor Ort. 11’000 Freiwillige sind im Einsatz. Wir sind im ganzen Land tätig. Wir hatten noch nie so viele sogenannte «Crossline-Operationen» (Verhandeln mit mehreren Parteien zugleich. Anm.d.Red.). Die humanitäre Hilfe in der nordsyrischen Stadt Aleppo kam zustande, weil wir mit 25 Parteien verhandelt haben. Seit fünf Jahren weise ich darauf hin, dass die Kluft zwischen den Bedürfnissen der Bevölkerung und den möglichen Leistungen immer grösser wird. Ein oder mehrere humanitäre Akteure können diese Aufgaben nicht bewältigen.

 

Das Symbol des IKRK ist ein rotes Kreuz. Steht das christliche Symbol in muslimischen Ländern manchmal im Wege?
Ich glaube nicht, dass die Assoziation mit dem Christentum ein relevantes Hindernis für unsere Arbeit ist. Vielleicht gibt es manchmal ein Wahrnehmungsproblem. Aber dieses ist mithilfe von Dialog schnell vom Tisch. Erstaunlicherweise ist es heute viel weniger ein Thema als noch vor vier oder fünf Jahren. Wir verhandeln mit radikalen Bewegungen über humanitäre Zugänge, und dabei stelle ich fest: Jetzt, wo sie uns besser kennen, kümmert sie das Symbol unserer Organisation überhaupt nicht.

 

Das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) hat kürzlich entschlossen, sich den Christen im Libanon und Syrien anzunehmen. Wie beobachten Sie die Situation der Christen im Nahen Osten?
An vielen Orten erleben wir die Verfolgung von religiösen oder ethnischen Minderheiten. Sie gehört zur heutigen Dynamik von Gewalt und Konflikten. Verfolgung wird zur Mobilisation gebraucht oder dient vielseitig und vielfach der Manipulation. Für das IKRK stehen unabhängig von Religion und Ethnie der Mensch und seine Bedürfnisse im Zentrum. Es ist aber logisch und legitim, dass christliche oder religiös dominierte Hilfswerke ihre Prioritäten anders setzen. Das ist eine sinnvolle Ergänzung in der humanitären Arbeit.

 

Welche Rolle spielen Kirchen für das IKRK?
Kirchen haben eine grosse Aufgabe in der Meinungsbildung. Deshalb pflegt das IKRK Kontakte zu Kirchen und auch anderen religiösen Führern. Sie sind essentiell, weil sie wertemässig das humanitäre Völkerrecht und die Menschlichkeit vertreten und gegenüber Kämpfern eine moralische Autorität sind. Ich war beim Papst, habe Kontakte zu reformierten Kirchen, war beim Patriarchen in Moskau, bei sunnitischen und schiitischen Autoritäten. Alle diese Persönlichkeiten haben Einfluss auf Kriegsführung und den gegenseitigen menschlichen Respekt.

 


 

Kunstausstellung «Parcours Humain»

«Parcours Humain» macht mittels zeitgenössischer Kunst auf Themen der Menschlichkeit aufmerksam. Nach der Ausstellung in Bern folgen bis 2018 die Standorte Zürich, Basel, Lugano, Graubünden und Genf. Bei jedem Standort vertiefen Künstlerinnen und Künstler humanitäre Themen. Wechselausstellungen von Hilfswerken, Atelierstipendien für Künstler aus Krisengebieten und Zusammenarbeit mit Direktbetroffenen schaffen aktuelle Bezüge.

Der «Parcours Humain» ist in Bern im Tramdepot Burgernziel noch bis am 26. Juni zu sehen.

Weitere Informationen: www.parcourshumain.ch

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Nicola Mohler/reformiert.info