Studie: Junge Muslime sehen ihre Religion oft kritisch

Sind junge Muslime in der Schweiz eine leichte Beute für radikale Imame und Internet-Prediger? Eine neue Studie der Universität Luzern zeigt: Muslimische Jugendliche in der Schweiz beurteilen die eigene Religion individueller und kritischer als in den Medien suggeriert.

Eine neue Studie der Universität Luzern widerlegt gängige Vorurteile über muslimische Jugendliche in der Schweiz.
Eine neue Studie der Universität Luzern widerlegt gängige Vorurteile über muslimische Jugendliche in der Schweiz. (Bild: Universität Luzern)

Das Forschungsprojekt «Imame, Rapper, Cybermuftis» der Universität Luzern stützt sich auf die Befragung von 61 muslimischen Frauen und Männer im Alter zwischen 15 und 30 Jahren. Ausgangspunkt war die Frage, an welchen religiösen Autoritäten und Angeboten sich muslimische Jugendliche in der Schweiz orientieren.

Ebenso wie bei Angehörigen anderer Religionen gebe es auch bei Musliminnen und Muslimen in der Schweiz den Trend, sich von religiösen Institutionen zu lösen und sich Religion individuell anzueignen, heisst es in der Studie. Im Unterschied zu Angehörigen anderer Religionen seien junge Muslime aber zahlreichen Vorurteilen und einem Generalverdacht ausgesetzt. So werde in der Berichterstattung oft unterstellt, junge Muslime seien in besonderem Mass radikalen Imamen und Internet-Predigern ausgesetzt. Auch werde angenommen, eine plötzliche Hinwendung zur muslimischen Praxis deute auf Radikalisierung.

Eltern und Freunde wichtiger als Imame

Gemäss Studie sind viele dieser gängigen Annahmen über junge Musliminnen und Muslime falsch. Zwar würde der gesellschaftspolitische Islam-Diskurs viele junge Muslime dazu bewegen, sich verstärkt mit ihrer Religion auseinanderzusetzen. In der Auswahl des passenden Angebots seien sie aber deutlich kritischer und eigenständiger, als dies in den Medien abgebildet werde. Wichtigste Ansprechperson in religiösen Frage seien Eltern, Freunde und Vertrauenspersonen. Viel kleiner sei hingegen der Einfluss von Imamen in den Moscheen oder von Angeboten im Internet. «Der persönliche Kontakt ist den jungen Muslimen wichtig, gegenüber Angeboten im Internet hegen viele eine gehörige Skepsis», heisst es in der Studie.

Einfluss des Islamischen Zentralrats ist gering

Die Studie wirft zudem ein Licht auf den Einfluss von Organisationen wie dem Islamischen Zentralrat Schweiz oder dem Forum für einen Fortschrittlichen Islam: Diese spielten für die «allermeisten jungen Musliminnen und Muslimen in der Schweiz keine oder eine kleine Rolle».

Das Forschungsprojekt «Imame, Rapper, Cybermuftis – Islamische Autoritäten, muslimische Jugendliche und gesellschaftliche Kohäsion in der Schweiz» dauerte von November 2014 bis Januar 2017 . Es stand unter der Leitung von Martin Baumann, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Luzern. Die Studie wurde von der Stiftung Mercator Schweiz gefördert.