Joel schreit vor Schmerz. Was tun? Vater Ryan versucht es mit Wiegen, Spielzeug, Trinken geben. Doch es hilft alles nichts. Am Ende bleibt nur das Beten, der Kleine beruhigt sich. Dieses reale Ereignis war die Inspiration für «That Dragon, Cancer». Mit diesem autobiografischen Werk setzen Ryan und Amy Green, Spielentwickler und Autorin, ihrem im Alter von fünf Jahren an Krebs verstorbenen Sohn Joel ein Denkmal.
Dieses besteht aus 14 surrealen Szenen, durch die der Spieler per Klicks auf vorgegebenen Bahnen navigiert und dabei Momente aus dem Alltag der Greens nachvollzieht: Joels Lachen und Schmerzen, die Reaktionen der Geschwister, der Bescheid der Ärzte, der Höllenritt und Himmelsflug der Eltern.
Wohin angesichts des Todes
Wohin wendet sich der Mensch im Angesicht von Verlust und Tod? Als gläubige Christen wenden sich Ryan und Amy Green an Gott. Doch trotz der Gebete gibt es keinen einfachen Weg: die Ehe wird auf die Probe gestellt, die Krankheit verflucht, am Glauben gezweifelt. Hoffnung will verdient und Liebe erstritten werden in einem Seiltanz über dem Ozean der Verzweiflung.
Doch gibt es für die Greens auch immer wieder Lichtblicke. Etwa der Kreis der Unterstützer und Mitbetroffenen, deren Erfahrungen, Fotos, Gebete und Zeichnungen im Spiel auftauchen. Oder Gottes Geschenk, Joel viel länger leben zu lassen als diagnostiziert. Oder der erprobte Glauben der Greens, der letztlich zum Abschiednehmen im Pfannkuchenhimmel befähigt.
Ohnmachtserfahrung
«That Dragon, Cancer» ist kein Spiel. Herausforderungen wie Rätsel oder Präzisionssteuern gibt es nicht, kleinere Mini-Spiele absolvieren sich von selbst. Nichts eignet sich besser als diese «Spielmechanik des Loslassens», um sich in der ohnmächtigen Rolle des Voyeur auf die sehr persönliche und reale Ohnmachtserfahrung der Greens einzulassen. Das bleibt hängen, denn «That Dragon, Cancer» ist kein simpler Tränendrüsen-Drücker.
Stattdessen gibt es einen schonungslos ehrlichen Einblick in die Aufs und Abs einer von Krebs betroffenen Familie. Die berührenden Reaktionen und Reflexionen, die erschütternde und hoffnungsvolle Symbolik, und insbesondere die Ruhe und Stille – sie sind ein beredtes und wertvolles Zeugnis im Angesicht des Unsäglichen.
Angaben zur Geschichte:
That Dragon, Cancer (Numinous Games 2016)
Sprache: Englisch. Plattformen: Windows 7 oder höher; Mac OS X 10.7 oder höher; OUYA. Offizielle Webseite: http://www.thatdragoncancer.com. Keine offizielle Alterskennzeichnung. Empfehlung des Autors: Ab 12 Jahren.
Über den Autor
Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion. Forschungswebseite: http://www.god-mode.ch/