Palliative Care: «Das Ich stirbt in ein Du hinein»

Eine gut besuchte Tagung der reformierten Appenzeller Kirche zu Palliative Care informierte mit Feingefühl über eine oft verdrängte Lebensrealität.

Palliative care heisst auch nicht alleine gelassen werden.
Spitalbetten: Palliative care heisst auch, nicht alleine gelassen zu werden. (Bild: Wikimedia/Tomasz Sienicki)

«Ich sorge mich um Dich» – so lautete das Motto der Tagung am 17. Januar im «Sonnenblick» in Walzenhausen. Christine Culic-Sallmann, Kirchenrätin der reformierten Kirche beider Appenzell, hatte das Programm auf die Beine gestellt und begrüsste die rund 60 Besucher, indem sie auf den sprachlichen Ursprung des englischen ‹palliative› aufmerksam machte. Lateinisch ‹pallium› zu Deutsch ‹weiter Mantel› ist sinnbildlicher Namensgeber für den Schutz und die Fürsorge, welche Vertreter der Palliative Care unheilbar Kranken und Sterbenden zukommen lassen wollen. Als Ziel hatte sich die Landeskirche gesetzt, «Fragen zu beantworten und Unsicherheiten abzubauen».

Unter dem Titel «Unheilbar Krank – und jetzt?» stellte der Allgemeinmediziner Thomas Langer sein Impulsreferat. Der Arzt praktiziert in Wolfhalden und ist darüber hinaus als Vorstandsmitglied bei «palliative ostschweiz» engagiert. Aus seiner Erfahrung als Mediziner berichtete er von der Notwendigkeit und Wirksamkeit von Palliative Care. Bereits als junger Assistenzarzt in Luzern erlebte er einen der Pioniere auf dem Gebiet der Palliativmedizin, Frank A. Nager, der ihn derart inspirierte, dass Langer selbst seine Tätigkeit der palliativen Fürsorge schwer kranker Menschen widmen wollte.

Sozialer Schmerz

Als unheilbar krank gelten nicht nur offensichtlich schwere Krankheiten wie Krebs oder Demenz, sondern auch Bluthochdruck oder Zucker, erklärte der Arzt. Anhand von Beispielen erläuterte Langer die Aufgabe von Palliative Care. Die medizinische Kompetenz bei der Behandlung schwer kranker Menschen betrage lediglich 25 Prozent. «Die Ärzte können körperliche Schmerzen lindern.»

Doch darüber hinaus trifft Patienten der soziale Schmerz, also der Verlust der Rolle in Gesellschaft oder Familie, der meist noch viel grösser ist als der rein körperliche. Anhand eines Diagrammes erläuterte Langer den so genannten «Totalen Schmerz», der die Erkrankten trifft. Er setzt sich aus körperlichen, sozialen, seelischen und spirituellen Schmerzen zusammen. Um diese «total pain» zu lindern, braucht es ein Kompetenzteam, das mit seinen verschiedenen Fähigkeiten, Wissensständen und Haltungen den Kranken umsorgt. «Interprofessionalität und vorausschauendes Handeln sind die Schwerpunkte von Palliative Care», so Langer.

«Unantastbare Würde»

Ein zweites Impulsreferat hielt Monika Renz. Die Leiterin der Psychoonkologie am Kantonsspital St. Gallen ist Psychologin, Theologin und Therapeutin. Unter dem Titel «Was ist gutes Sterben? Das Ich stirbt in ein Du hinein» berichtete sie von ihren Gesprächen und Beobachtungen mit schwer Erkrankten. «Das Sterben ist etwas dem Wollen Entzogenes», sagte Renz und stellte dann Fragen, wie würdiges Sterben aussehen kann. Ihrer Erfahrung nach gebe es etwas wie eine «letzte unantastbare Würde» – eine Autonomie, die nicht vergleichbar ist mit Funktionstüchtigkeit.

Anhand von Protokollen hatte sie ihre Erlebnisse in der Begleitung von Sterbenden aufgezeichnet und die Beobachtung gemacht, dass sich Sterbende zwischen zwei Wahrnehmungszuständen bewegen. Dem Sich-Fallen-Lassen-Können, hinein in eine Art «unantastbare Würde», einem harmonischen Zustand, und einem, der von Zweifeln und Zerfall dominiert ist. «Zwischen diesen beiden Zuständen pendelt der Mensch, der weiss, dass er sterben muss», so Renz.

Workshops

Im Anschluss an die Impulsreferate konnten die Teilnehmer verschiedene Workshops besuchen. Bei Pfarrerin Martina-Tapernoux-Tanner ging es bei dem Thema ‹Seelsorge› darum, wie Sterbende begleitet werden können und welche Fragen sich auftun. Trotz aller Dramatik und Traurigkeit konnte die Pfarrerin berichten, dass sie in der Seelsorge Sterbender bemerkt hätte, dass «etwas möglich wird, was lange nicht möglich war». So würden beispielsweise uralte Kämpfe versöhnt und Verletzungen verzeiht werden können.

In einem anderen Workshop erzählte Rita Eugster Mätzler aus Goldach von der Arbeit des Hospiz-Dienstes in St. Gallen. Von der Spitex waren Cornelia Kühnis und Myrta Kora vor Ort und gaben Einblicke in ihre Arbeit.

«Todesfall, was nun?» war der Workshop von Simon Abderhalden betitelt. Der Mitarbeiter vom Bestattungsdienst Vorderland Heiden erklärte, was genau zu tun ist, wenn ein Mensch stirbt. Er räumte mit Vorurteilen auf und beschrieb den formalen und praktischen Weg des Verstorbenen – von der Information des Bestattungsdienstes bis hin zum Begräbnis. Alice Bruni erzählte von der schweren Krankheitszeit ihres vor anderthalb Jahren verstorbenen Ehemannes und liess die Workshop-Besucher teilnehmen an ihrer Lebensgeschichte.

Website der Schweizerischen Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung