Ökumenische Jury von Locarno zeichnet iranischen Film aus

«Paradise» heisst der Preisträger der Ökumenischen Jury am Filmfestival Locarno. Der iranische Film wurde unter erschwerten Bedingungen heimlich gedreht und zeigt die Situation im Schulwesen von Teheran.

Ökumenische Jury Locarno: Franz-Xaver Hiestand, Ola Sigurdson, Catherine Wong, Gaëlle Courtens, Thomas Wipf, Martin Ernesto Bernal Alonso. (Bild: zVg/Filmfestival Locarno)

Im Zentrum von «Paradise» steht eine junge Lehrerin, die selbst Teil des gewaltsamen Systems ist und deshalb unter Depressionen leidet. Der Film zeigt die Situation von Frauen und Mädchen im Iran. Zudem zeichnete die Jury zwei weitere Filme aus dem Internationalen Wettbewerb mit einer lobenden Erwähnung aus; darunter auch den Gewinner des Goldenen Leopards «Right Now, Wrong Then» aus Südkorea.

Catherine Wong, die Präsidentin dere Ökumenischen Jury aus Hong Kong, zeigte sich sehr beeindruckt von der Filmauswahl: «Ich bin sehr überzeugt von der Bandbreite der Filme. Wir hatten in der Jury rund zwölf Filme, die wir ausführlich diskutiert haben. Insbesondere die asiatischen Filme haben einen starken Eindruck hinterlassen.» Die Jury konzentrierte sich bei der Preisvergabe auf drei Filme, die den Kriterien der kirchlichen Jury am besten entsprachen.

Preisträger zeigt Gewalt im Alltag – aber auch Hoffnungszeichen

Der sozial engagierte und mit einem genauen Blick ausgestattete Regisseur Sina Ataeian Dena aus dem Iran überzeugte die Jury mit seinem Erstlingswerk «Ma dar Behesht». Mit dem englischen Titel «Paradise» ist die Ambivalenz des Films jedoch nicht eingefangen; handelt es sich doch keineswegs um einen Zustand des grössten Glücks. Vielmehr geht es im Film um strukturelle Gewalt, die vor allem Frauen und Mädchen trifft.

Die 24-jährige Primarlehrerin Hanieh gehört zum Mittelstand in Teheran. Sie arbeitet in einem trostlosen Vorort und muss jeden Tag einen langen Arbeitsweg zurücklegen. Deshalb möchte sie sich ins Zentrum der Stadt transferieren lassen. Doch ihr Antrag steckt irgendwo in der komplizierten Administration fest. Als sie eines Tages in der Schule ankommt, werden zwei Mädchen vermisst, die womöglich entführt wurden. Angesichts dieses Ereignisses werden die Probleme der jungen Lehrerin belanglos.

«Ein starker, mutiger Film»

Der Film konzentriert sich auf Alltagsszenen in der Schule, die Rolle der Lehrerin und der Schulleiterin, die beide Teil des Systems sind; zudem auch auf die kleinen Fluchten der Hauptfigur. Wie der Regisseur die Mechanismen der institutionellen Gewalt offen legt ist beeindruckend. Die Jury begründete die Vergabe des Preises an den Film wie folgt: «Ein starker, mutiger iranischer Film über das tägliche Leben von Hanieh, einer jungen Lehrerin an einer Primarschule in den südlichen Vororten von Teheran. Dank spärlichen Freiheitsmomenten lassen sich trotz der einschnürenden Verhältnisse, welche iranische Frauen erdulden müssen, Hoffnungszeichen erahnen.»

Laut Angaben des katholischen Jury-Delegierten von Signis, Charles Martig, ist der Preis mit einer Verleihförderung von 20’000 Franken verbunden, die von den evangelisch-reformierten Kirchen und der römisch-katholischen Kirche der Schweiz gestiftet wird. Der Film «Paradise» wird vom Verleiher Filmcoopi in die Schweizer Kinos gebracht, voraussichtlich im ersten Quartal 2016. «Die Filmcoopi ist auf Arthouse-Filme mit politischem Inhalt spezialisiert und ist als mittelgrosser Verleiher prädestiniert für die Lancierung des Films», sagt Charles Martig. Mit der Verleihförderung sei es möglich, den Film «Paradise» einem interessierten Arthouse-Publikum zugänglich zu machen.

Mit zwei lobenden Erwähnungen für «Bella e perduta» von Pietro Marcello (Italien) und «Right Now, Wrong Then» von Hong Sangsoo (Südkorea) signalisiert die Ökumenische Jury, wie reichhaltig und ergiebig der Internationale Wettbewerb von Locarno in dieser Ausgabe war. Vor allem der Südkoreaner Hong Sangsoo ist mit einem Goldenen Leoparden für den besten Film und einem silbernen Leoparden für den besten männlichen Darsteller der grosse Gewinner von Locarno. (kath.ch)

 


 

Preis der Ökumenischen Jury

Seit 1973 ist jedes Jahr eine Ökumenische Jury am wichtigsten Schweizer Filmfestival in Locarno präsent. Seither zeichnet das Gremium Filme aus, die das Publikum für religiöse, menschliche oder soziale Werte sensibilisieren. Das Preisgeld von 20’000 Franken, das an den Verleih des ausgezeichneten Films in der Schweiz gebunden ist, wird von den evangelisch-reformierten Kirchen und der römisch-katholischen Kirche der Schweiz gestiftet. Die Mitglieder der Ökumenischen Jury werden von den beiden internationalen kirchlichen Filmorganisationen Interfilm  und Signis gestellt und gehören verschiedenen christlichen Konfessionen an.

 

Website Interfilm

Website Signis