Stephan Kuss reichert den Gang durch die Geschichte mit allerlei unterhaltsamen Anekdoten an: Über Giacomo Casanova, dem ein Arzt für Geschlechtskrankheiten seinen Reichtum verdankte, oder Friedrich Engels, der in der bürgerlichen Ehe eine reine Geschäftsbeziehung sah, bis zu jenem holländischen Gynäkologen, der den ersten Sexualratgeber schrieb, um die eheliche Treue zu stärken, indem er den «heimischen Kostgang» aufwertete.
Leider beschränkt sich Kuss weitgehend auf die biologischen, ökonomischen und soziologischen Aspekte der Einehe. Die Kirche kommt nur mit ih- ren ethischen Forderungen vor, die sie selber ja kaum noch durchsetzt: Kürzlich wollte ein deutscher Pfarrer sogar das Traugelübde «Bis dass der Tod euch scheidet» in ein schlichtes «Solange es gut geht» umformulieren. Dabei bringt die Sendung nicht zur Sprache, dass die Treue in der christlichen Theologie weit mehr als nur eine moralische Pflicht, ja ein spirituelles Konzept darstellt: Im Alten Testament ist es die Bundestreue, die Israel mit Gott verbindet, im Neuen Testament findet sich kaum ein Begriff so häufig wie das griechische Wort für Treue und Glaube, in der Tradition erscheint das Verhältnis von Christus zur Kirche ständig im Bild der Ehe.
Liebesschlösser lassen Brücke einstürzen
Die darin enthaltene Hoffnung auf eine ewige Einswerdung in Liebe verschafft sich auch in der Hochzeit von Mann und Frau Ausdruck. Gerade diese aber kann Stephan Kuss nicht ganz verständlich machen, wenn er den historischen Aufstieg und Fall der lebenslangen Monogamie als praktisches Beziehungskonzept beschreibt. Die Treue mag inzwischen einen schweren Stand haben. Aber trotzdem hält sich die Sehnsucht danach wacker. Das zeigt sich an den boomenden Hochzeitsmessen ebenso wie an den Brückengeländern, die Pärchen tausendfach mit Sicherheitsschlössern vollhängen: Im letzten Juni stürzte deswegen das Geländer der Pont des Arts in Paris ein, unter 93 Tonnen Messing.
«Casanova würde heute keinen Dermatologen mehr reich und glücklich machen . . . darüber sollten wir froh sein», heisst es am Schluss des einstündigen Radioessays. Doch auch die Treue ist noch nicht ganz tot, zumindest nicht als Wunschtraum. Darüber sollten wir ebenfalls froh sein.
SWR2, Essay, 19. Januar, Sendung hören