Der lange als revolutionärer Akt gedeutete Thesenanschlag an den Türen der Wittenberger Stadtkirche sei keineswegs eine definitive Kampfansage Luthers gegen die «niederträchtige römische Kirche» gewesen, schrieb der Vorsitzende des Vereins für Reformationsgeschichte am 28. Oktober in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es habe sich vielmehr um ein übliches akademisches Vorgehen gehandelt, und Luther habe zu diesem Zeitpunkt noch ein «braver, gewissenhafter Sohn» der römischen Kirche sein wollen.
Als eigentlichen revolutionären Akt wertet Kaufmann die im Sommer 1520 erschienene Schrift Luthers «An den christlichen Adel deutscher Nation». In diesem Manifest habe sich der Reformator eindeutig von Papst und römischer Kirche losgesagt, ihre Geldgier und ihre Eigensucht angeprangert und die Grundzüge einer reformierten Kirche dargelegt.
Als Kern dieser Schrift und als «kopernikanische Wende» Luthers bezeichnet der Historiker die Lehre vom allgemeinen Priestertum der Getauften. «Durch die Taufe hat Gott nach Luther jeden Christen in gleicher Weise geweiht und qualifiziert», schreibt Kaufmann. Diese Idee berge bis heute ein «radikales Potenzial», das sich auch auf die Politik und die Entwicklung der Demokratie ausgewirkt habe.