Krieg in der Ukraine

«Die kommenden Monate werden hart»

Sie haben kein Wasser, keinen Strom und nun wird es Winter: Im Kriegsgebiet in der Ukraine leben die Menschen unter schwierigsten Bedingungen. Das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) unterstützt sie mit dem Nötigsten – unter gefährlichen Umständen, wie Missionsleiter Steve Ringel im Interview erzählt.

Mitarbeitende des Hilfswerks Heks verteilen Bettlaken in Saporischschja in der Ukraine. (Bild: András D. Hajdú/Heks-Eper.)

Herr Ringel, Heks hilft praktisch seit Kriegsbeginn in der Ukraine. Was waren Ihre ersten Erfahrungen, wie läuft es bisher? 
Wir konzentrieren uns auf jene, die innerhalb der Ukraine auf der Flucht sind, also auf sogenannte Binnenflüchtlinge. Sie fliehen aus den stark umkämpften Regionen in den westlichen Teil der Ukraine. Wir versuchen, sie mit dem Nötigsten zu versorgen: Mit Trinkwasser, Lebensmitteln, Hygienekits oder Bargeld. Auch helfen wir denjenigen, welche sich entschieden haben, trotz der Kampfhandlungen an Ort und Stelle zu bleiben. Diesen Krisenbetroffenen organisieren wir warme Mahlzeiten, Esspakete und Hygieneartikel.  


Wie stellen Sie sicher, dass die Hilfe tatsächlich dort ankommt, wo sie am nötigsten gebraucht wird?

Wir arbeiten mit lokalen Mitarbeitern zusammen, die wiederum Kontakt aufnehmen zu lokalen Autoritäten wie Bürgermeistern, Polizisten oder Verwaltern von lokalen Krankenhäusern. Sie wissen, was wo gebraucht wird. Unser 15-köpfiges Krisenteam von internationalen Mitarbeitern arbeitet mit einem etwa 40 Mann- und Frau-starken lokalen Team zusammen und begleitet die Hilfsaktionen vor Ort.  

Zur Person

Seit 1998 ist Steve Ringel aktiv in der humanitären Hilfe tätig. Seine ersten Erfahrungen sammelte er in Zentralamerika, nachdem Hurrikan Mitch die Region 1998 tiefgreifend verwüstet hatte. Danach arbeitete Ringel nach Flüchtlingskrisen im Jemen und im Tschad. Seit 2007 war er in Einsätzen im Mittleren Osten, in Südostasien und auf dem Afrikanischen Kontinent. (bat)

Wo liegt die Herausforderung bei dieser Zusammenarbeit?
Eine der grossen Herausforderungen ist die Sprachbarriere, welche in der Ukraine höher ist als in anderen Krisengebieten. Oft wird kaum oder kein Englisch gesprochen. Des Weiteren ist die Ukraine seit Jahrzehnten ein von Korruption und Kriminalität geplagtes Land, was unsere Organisation zu einem noch höheren Grad an Transparenz und Wachsamkeit zwingt. Dies wiederum erhöht den administrativen Aufwand, welcher geleistet werden muss, um qualitativ hochwertige Hilfe leisten zu können, ohne jedoch an Agilität und Flexibilität zu verlieren.

Sie operieren mitten im Kriegsgebiet. Ist das für die Mitarbeitenden nicht sehr gefährlich?
Die Ukraine-Mission ist tatsächlich eine der wenigen Missionen in der Welt, bei der wir eine separate Struktur für die Sicherheit in unserem Team aufgebaut haben. Risikos eingehen zu können, um kriegsbetroffenen Menschen Hilfsgüter zukommen zu lassen, ist nicht einfach. 

Nothilfe für 600'000 Menschen

Das Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) unterstützt in der Ukraine die bedürftigsten Menschen in unmittelbarer Nähe der Frontlinien mit der Verteilung von Bargeld und Hilfsgütern des täglichen Bedarfs – dies insbesondere im Hinblick auf den kommenden Winter. Zudem unterstützt Heks nach Rumänien, Ungarn und Moldawien geflüchtete Ukrainerinnen sowie Massnahmen zu deren Integration in diesen Ländern. Bisher hat Heks in der Ukraine und den Nachbarländern Nothilfe für über 600 000 Personen geleistet. Heks ist bereits seit März 2022 mit einem eigenen Büro in Odessa präsent und war eine der ersten Hilfsorganisationen, die in nächster Nähe der Frontlinien Nothilfe leisteten: in Mikolajiw und Zaporijjia im Süden sowie in Charkiw im Osten. Dort haben über 300 000 besonders bedürftige Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser oder medizinischen Gütern erhalten. (bat)

Mittlerweile sind acht Monate seit Kriegsbeginn vergangen. Wie geht es den Menschen in der Ukraine?
Die Menschen stehen unter hohem Druck und oft  geht es ihnen psychisch schlecht. Die ständigen Raketenalarme setzen ihnen zu. Sie müssen sich das so vorstellen: Etwa alle 45 Minuten erklingt auf einer App auf dem Handy ein lauter Alarmton. Er warnt vor Raketen. Die Menschen sollten dann schleunigst einen Bunker aufsuchen. Da ist an ein normales Leben nicht zu denken. 

Sie arbeiten seit bald zehn Jahren immer wieder in der Ukraine. Welches Erlebnis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? 
Ich arbeitete 2014 in einem Hilfsprojekt an der Grenze zu den semi-autonomen Gebieten um Luhansk und Donetsk. Als mir ein ehemaliger Mitarbeiter schilderte, wie er drei Wochen im Keller seines Hauses, ohne Heizung und fliessend Wasser, mit seiner Grossmutter und Mutter darauf wartete, die schwer umkämpfte Zone zu verlassen, wurde mir klar, warum ein Grossteil der Kollegen schwermütig werden und grosse Energie aufbringen, um der Hoffnungslosigkeit zu entkommen. 

Nun wird es Winter. Wie blicken Sie auf die kommenden Monate?
Es geht jetzt darum, provisorische Unterkünfte winterfest zu machen. Auch mit einfachen Mitteln wie einer Plastikplane, die etwa das Fenster ersetzt. Wir schauen, dass Grundbedürfnisse wie Nahrung, Hygiene und Wärme gedeckt sind. Dafür verteilen wir zum Beispiel Decken und Schlafsäcke, sorgen mit Suppenküchen für eine warme Mahlzeit und kümmern uns ums Öl für die Heizung. Die kommenden Monate werden hart.