Keine Schweizer Flagge für das Rettungsschiff «Aquarius»

Das Flüchtlingsrettungsschiff «Aquarius» soll nicht unter Schweizer Flagge fahren. Der Bundesrat stellt sich gegen einen Vorschlag von Parlamentarierinnen und Parlamentariern.


An der rechtlichen Situation liegt es nicht: Die Schweizer Flagge ist zwar grundsätzlich für Hochseeschiffe vorgesehen, die den gewerbsmässigen Transport von Gütern und Personen betreiben, doch lässt das Gesetz Ausnahmen zu. Der Bundesrat hält es trotzdem nicht für sinnvoll, die «Aquarius» unter Schweizer Flagge fahren zu lassen, wie er am 3. Dezember als Antwort auf eine Interpellation schreibt.

Langfristige Lösung gesucht

Die Seenotrettung im Mittelmeer verlange nach einem koordinierten und langfristig ausgerichteten Ansatz. Ad-hoc-Verhandlungen für jedes Schiff mit Flüchtlingen an Bord zu führen, währenddessen dieses tagelang umherirre, sei nicht sinnvoll, schreibt der Bundesrat. Es brauche eine tragfähige europäische Lösung, welche die Regeln der Seenotrettung berücksichtige, sichere Ausschiffungshäfen zur Verfügung stelle und einen Mechanismus zur Verteilung der ankommenden Flüchtlinge vorsehe.

Das Engagement müsse im Rahmen eines langfristig ausgerichteten und koordinierten Vorgehens aller europäischen Staaten erfolgen. Eine solche Lösung sei heute noch nicht Wirklichkeit. Vor diesem Hintergrund würden Einzelaktionen die Gefahr bergen, die notwendige Zusammenarbeit unter den Staaten zu unterlaufen statt zu fördern.

Viele Unterschriften, wenig Wirkung

«Der Bundesrat sieht sich unter den gegebenen Umständen nicht in der Lage, die Ausnahmeklausel des Seeschifffahrtsgesetzes für das Seeschiff ‹Aquarius› anzuwenden», heisst es in der Antwort.

Erkundigt hatten sich Aline Trede (Grüne/BE), Ada Marra (SP/VD), Kurt Fluri (FDP/SO) und Guillaume Barazzone (CVP/GE). Im Oktober hatte ausserdem Hilfsorganisation SOS Méditerranée eine Petition mit 27’000 Unterschriften eingereicht, die ebenfalls eine Schweizerflagge für die «Aquarius» forderte. In einem offenen Brief wandte sich auch das evangelische Hilfswerk Heks mit dem gleichen Anliegen an den Bundesrat.

Tausende gerettet, jetzt konfisziert

Die «Aquarius» wird gemeinsam von Ärzte ohne Grenzen und SOS Méditerranée betrieben. Zuletzt konfiszierten die italienischen Behörden das Schiff. Der Flaggenstaat Panama hatte zuvor angekündigt, dem Schiff die Registrierung zu entziehen.

Damit müsste die «Aquarius» ihren Betrieb einstellen und dürfte nicht mehr zu Rettungsaktionen auf den internationalen Gewässern auslaufen, um Migrantinnen und Migranten in Not zu retten, schreiben die Nationalrätinnen und Nationalräte. Es sei denn, sie würde unter der Flagge eines anderen Landes agieren.

Kurt Fluri erinnert daran, dass das Schiff seit 2016 rund 29’000 Migrantinnen und Migranten vor dem Ertrinken gerettet habe. Es sei unumstritten, dass SOS Méditerranée einen humanitären Zweck erfülle. Die Schweiz habe eine lange humanitäre Tradition, stellt Fluri fest. «Es muss alles darangesetzt werden, dass diese humanitäre Mission in der Schweiz und, dank der ‹Aquarius›, auch im Mittelmeer verfolgt wird.»

Aline Trede gibt zu bedenken, dass die «Aquarius» das einzige verbliebene nichtstaatliche Such- und Rettungsschiff im zentralen Mittelmeer sei. Seit Beginn des Jahres seien mehr als 1250 Menschen bei dem Versuch ertrunken, das zentrale Mittelmeer zu überqueren. Das Risiko, bei der Überfahrt zu ertrinken, sei höher als 2015. (sda/pd)