Island: Land der «Elfenkirchen»

Hokuspokus oder Heiligtum? Im Winter wollten Elfenschützer in Island ein Bauprojekt verhindern. Begründung: Die Pläne hätten eine Kirche der Naturgeister zerstört. Nun hat die Behörde teilweise eingelenkt.

Ein Geysir in Island.
Island: Land der Sagen und Elfen. (Bild: Wikimedia/Andreas Tille)

Der Glaube an Elfen versetzt in Island Berge. Oder zumindest Felsen. In dem Städtchen Garðabær legte Ragnhildur Jónsdóttir Ende 2013 gemeinsam mit zwei Dutzend anderen den Bau einer Strasse lahm, weil die künftige Trasse genau durch eine kleine «Elfenkirche» – einen Lava-Steinbrocken – führen sollte.

«Die Bulldozer kamen und wir haben uns davorgeworfen, um sie zu stoppen», sagt die 54-Jährige. Zwei Verhaftungen und viele Briefe an hochrangige Politiker später wird die Strasse trotzdem gebaut. Der Fels soll aber aus Respekt vor den Naturgeistern nun umziehen. Ein Kran hievt den viele Tonnen schweren Stein an eine andere Stelle. «Es wäre natürlich besser gewesen, sie hätten den Bau der Strasse gestoppt», erzählt Jónsdóttir mit leiser Stimme. «Aber immerhin sind die Politiker bereit, das hier zu tun, und dafür haben sie viel Ärger auf sich genommen.»

Die Kapelle im Lavafeld sei ein Ort, zu dem Menschen und Elfen kämen, um Rat zu suchen. Bis zum Winter soll der Fels neben einen anderen gerückt werden – eine «heilige Kirche», um die die Strasse dank Jónsdóttir schon einen Bogen macht. Die Arbeiten gehen derweil erst einmal am anderen Ende der Baustelle weiter.

Elfen im Fels

Es ist nicht das erste Mal, dass der Schutz von Elfen und angeblich verborgener Wesen ein Bauprojekt behindert. 2012 bat ein isländischer Politiker Jónsdóttir um Rat: Bei einem schlimmen Autounfall war er wie durch ein Wunder unverletzt geblieben. Ein Hügel hatte seinen Wagen nach fünf Überschlägen gebremst. «Er war überzeugt, dass Elfen in dem Fels wohnten», sagt Jónsdóttir. Als die Strassenführung geändert werden sollte und der Hügel in Gefahr war, halfen sie und ihr Sohn dem Parlamentsabgeordneten, den riesigen Stein aus dem Weg zu wuchten und auf das Grundstück des Politikers zu versetzen.

Jónsdóttir hatte nicht immer mit Elfen zu tun. Die Frau mit dem schimmernd-weissen Haar war gerade 50 Jahre alt geworden, als die Naturgeister sie zu ihrer Sprecherin auserkoren, wie sie erzählt. «Sie versprachen mir Abenteuer», sagt die Isländerin, während sie durch ihren Elfengarten – einen Park in der Stadt Hafnarfjörður – schlendert.

Dass eines dieser Abenteuer einmal hinter den Gitterstäben einer Gefängniszelle in Reykjavik enden würde, hätte sie sich damals nicht träumen lassen. Gegen die Verhaftungen gehen sie und andere «Freunde der Lava» zurzeit gerichtlich vor.

Verwunschener Ort

Mit seinen skurrilen Lavalandschaften und moosreichen Wäldern erweckt Island leicht den Eindruck eines verwunschenen Ortes. Mehrere hundert Touristen pilgern jedes Jahr in den Hellisgerði-Park, um Jónsdóttirs Geschichten über Elfen zu hören. In Buchläden liegen Karten mit den Lieblingsplätzen der angeblich verborgenen Wesen aus. Gerade im ansonsten unscheinbaren Hafnarfjörður ist das Interesse für die Naturgeister über die Jahrzehnte unverändert gross geblieben.