Gottfried Locher trifft bosnischen Grossmufti in Sarajevo

Der Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds hat in Sarajevo den bosnischen Grossmufti getroffen und mit ihm eine gemeinsame Charta unterzeichnet. Darin bekennen sich die bosnischen Muslime zu Rechtsstaat und Gleichberechtigung nach Schweizer Vorbild.

Kirchenbundspräsident Gottfried Locher und Grossmufti Husein Kavazović. (Bild: reformiert.info)

SEK-Ratspräsident Gottfried Locher und Grossmufti Husein Kavazović unterzeichneten das Dokument am vergangenen Freitag, im Beisein von Bakir Izetbegovic, der für die muslimischen Bosniaken im Staatspräsidium sitzt. Locher sei auf Einladung des Oberhauptes der bosnischen Muslime nach Bosnien und Herzegovina gereist, teilte der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) am Dienstag mit.

In der sogenannten «Sarajevo Message» bekennen sich die Muslime zu den schweizerischen Werten. Explizit genannt wird, dass alle Menschen frei seien, ihre Religion zu wählen. Zudem wird religiös motivierter Terrorismus verurteilt, unabhängig davon, in welcher Religion er auftritt.

Europa zugehörig

Kavazovic sagte laut der Medienmitteilung, dass sich die bosnischen Muslime Europa zugehörig fühlten und den wachsenden Einfluss der Golfstaaten im Land mit Sorge betrachteten. Es gelte, die Beziehungen mit der EU und der Schweiz zu stärken.

Anlässlich seines Besuchs im Balkanstaat besuchte Locher auch die Dauerausstellung zum Genozid von Srebrenica. Im Juli 1995 hatten bosnisch-serbische Truppen in der UNO-Schutzzone Srebrenica 8’000 muslimische Jungen und Männer ermordet.

Zudem informierte er sich über Projekte der katholischen und orthodoxen Kirchen sowie der jüdischen und islamischen Glaubensgemeinschaften, die der Versöhnung dienen. Der SEK-Präsident zeigte sich von dieser interreligiösen Arbeit beeindruckt.

«Das Gespräch zwischen den Religionen trägt hier direkt zum politischen Frieden bei», wird Locher in der Medienmitteilung zitiert. Es gäbe keine Alternative zu diesem Gespräch – «nicht in Bosnien und nicht in der Schweiz.»

Nicht das erste Bekenntnis

Die bosnischen Muslime sind nicht die ersten, die sich schriftlich zu Schweizer Werten wie Laizismus und Rechtsstaat bekennen. Erst im März unterzeichneten die zwei wichtigsten Vereinigungen von albanischen Muslimen in der Schweiz ein gemeinsames Bekenntnis, in dem sie sich zur Trennung von Religion und Staat sowie dem Vorrang der Schweizer Gesetzgebung vor allen religiösen Regeln bekennen.

Aber auch zahlreiche muslimische Verbände, etwa aus den Kantonen Zürich, Aargau oder Waadt, haben sich bereits offiziell zum Schweizer Rechtsstaat bekannt. Pascal Gemperli, Präsident der Union Vaudoise des Associations Musulmanes, zeigte sich deshalb über den Besuch Lochers in Sarajevo etwas befremdet. «Mir ist nicht ganz klar, in welcher Absicht der SEK-Präsident dieses Dokument unterschrieben hat», sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Denn die Unterzeichnung einer solchen Charta könne das Vorurteil vermitteln, dass Muslime die Schweizer Werte und Gesetze nicht respektierten. Eine solche Beschuldigung ohne konkrete Begründung helfe dem Vertrauensaufbau wenig. Mehrere solcher Erklärungen seien bereits unterzeichnet worden – und zwar in der Schweiz. «Ich hätte es lieber gesehen, wenn Locher das Gespräch mit den Schweizer Verbänden gesucht hätte», fügte Gemperli bei.

Grosse muslimische Gruppe

Die muslimische Gemeinschaft in der Schweiz wird auf 450’000 Personen geschätzt. Innerhalb dieser Glaubensgemeinschaft bilden die Muslime bosnischer, türkischer und albanischer Abstammung die grössten Gruppen.

Im Jahr 2015 zählte das Bundesamt für Statistik in der Schweiz 14’000 Personen aus Bosnien und Herzegovina, die muslimischen Glaubens sind. Dabei wurden allerdings nur Personen berücksichtigt, die älter als 15 Jahre alt sind. (sda)