«Gesicht zeigen heisst Mensch sein»

Gottfried Locher ist gegen jegliche Vermummung in der Öffentlichkeit. Dazu gehört für den Kirchenbund-Präsidenten auch die islamische Gesichtsverschleierung. Anstelle eines Burkaverbots würde er jedoch ein allgemeines Vermummungsverbot bevorzugen.

Gottfried Locher setzt an Ostern ein Zeichen für die Ökumene: «Auch die Katholiken können die Reformation feiern.» (Bild: sekfeps/Wikimedia)

«Die Verschleierung der Frau, die ihr das Gesicht raubt, diskriminiert die Frau», sagt der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds im Interview mit den Zeitungen «Tages-Anzeiger» und «Der Bund» vom Montag. Locher sagt, es gehe ihm bei der Burkadiskussion darum, ob jemand in der Öffentlichkeit sein Gesicht und damit seine Identität zeige. «Wer das Gesicht nicht zeigt, gibt das Wesentliche seiner Identifikationsfähigkeit preis.» Deshalb fände er «ein allgemeines Vermummungsverbot besser als ein spezifisches Burkaverbot.»

Burka und Religion auseinanderhalten

Zwar sei er gegen Kleidervorschriften. «Aber wir legen Grenzen fest, und zwar in beide Richtungen», sagt Locher. Man gehe aus sittlichem Empfinden nicht nackt auf die Strasse. «Andererseits stellen wir sicher, dass jemand, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, eine Identität besitzt.» Dazu gehöre, dass man sein Gesicht zeige.

Aus Lochers Sicht sollten Religion und Burka auseinandergehalten werden. Die Gesichtsverschleierung mit einer Burka sei nach seiner Auffassung nicht als Merkmal des gesamten Islams zu sehen. Er verwies dabei auf Äusserungen hoher islamischer Geistlicher, wonach der Gesichtsschleier nichts mit dem Islam zu tun habe. Das Burkatragen sei «mehr Ausdruck einer Ideologie als einer Theologie».

Nicht beziehungsfähig

Zur Frage nach christlich-jüdischen Argumenten für ein Burkaverbot meint Locher, im Christentum sei das Gesicht Ausdruck der Beziehungsfähigkeit. Im Alten Testament gebe es Geschichten von Menschen, die ihr Gesicht verhüllten, sobald sie Gott begegneten. Im Normalfall und unter seinesgleichen zeige der Mensch aber sein Gesicht. Man sei in Beziehung, indem man sich ins Gesicht schaue. Schliesslich nennt Locher die Eigenverantwortung als einen «spezifisch reformierten Grundwert». Eigenverantwortung bedeute, sein Gesicht zu zeigen. «Wer vermummt ist, ist nicht beziehungsfähig und auch nicht öffentlichkeitsfähig». (sda/red.)

 

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