Krieg im Nahen Osten

«Dann weiss ich nicht, wie diese Menschen überleben sollen»

Die Westschweizerin Sonam Dreyer-Cornut leitete in Gaza ein Team von «Ärzte ohne Grenzen». Die extreme Not der Menschen hat sie hautnah miterlebt.
Die Menschen in Gaza leben in provisorisch errichteten Zeltstädten. Auch Krankenstationen werden in Zelten eingerichtet. (Bild: Haitham Imad/ Keystone/ EPA)

Frau Dreyer-Cornut, Sie waren kürzlich für «Ärzte ohne Grenzen» im Gazastreifen. Wie haben Sie den Einsatz erlebt?
Alles ist zerstört. Wir fuhren in einem Bus im südlichsten Zipfel über die Grenze, begleitet von UN-Truppen. Als wir durch Rafah fuhren, hat im Bus niemand mehr gesprochen. Du schaust raus. Dort siehst du Menschen, die in den Trümmern wandeln, scheinbar ziellos, die irgendwas suchen. Oder die unter einer Plane zwischen Trümmern kauern, Trümmern, die ihre Häuser waren. Ich war schon in Kriegs­gebieten im Einsatz. Aber so etwas habe ich noch nicht gesehen. Es gibt kein einziges intaktes Haus mehr. Manche meiner Kolleginnen waren früher in Rafah. Sie haben nichts wieder­erkannt. Sie waren orientierungslos.

Wohin fuhren Sie?
Zuerst nach Al-Mawasi, an die Küste, wo ich meine Kollegen von «Ärzte ohne Grenzen» (MSF) traf. Und am nächsten Tag von dort in den Norden, nach Gaza City. Dann machten wir uns daran, ein mobiles Spital aufzubauen, in dem wir vor allem pädiatrische Behandlungen anbieten würden. Wir hatten zuvor mit dem Gesundheits­ministerium eruiert, dass es bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen den grössten Bedarf gab. Innert vier Tagen hatten wir das Spital aufgebaut und begannen, die ersten Patientinnen zu behandeln.

Was haben Sie behandelt?
Die Menschen leben im Staub, schlafen am Boden. Entsprechend leiden sehr viele der Kinder und Jugendlichen an Infektionen der Haut und der Atemwege. Und sie haben höchst eingeschränkten Zugang zu Wasser. Das heisst: Viele Magen-Darm-Erkrankungen. Wir waren zudem spezialisiert auf die Versorgung von Verbrennungen. Während der Waffen­ruhe waren das meist Folgen von Unfällen, etwa weil sich die Menschen an den provisorischen Koch­stellen verbrannt hatten. 

Das klingt nach «gewöhnlicher» Arbeit.
Es fühlte sich tatsächlich so an. Die Waffen schwiegen, wir arbeiteten, und in den Strassen gab es wieder so was wie Leben. Es war Ramadan, am Abend kamen Menschen zusammen, um gemeinsam zu essen, erste Cafés gingen auf. Man spürte den Willen, wieder etwas aufzubauen. Eine zaghafte Aufbruch­stimmung in einem apokalyptischen Setting.

Und dann, am 18. März, fielen wieder Bomben.
Ja. Um 2.38 morgens. Die Bombardierungen waren sehr nah und sehr stark. Sie haben uns alle aufgeweckt. Ich schaute als Erstes auf meine Uhr. Wir schliefen in einem Wohn­gebäude in Gaza City, rund siebzehn, achtzehn Personen von internationalen Hilfsorganisationen. Es hatte keine Vorzeichen gegeben.

Was macht man in so einem Moment?
Wir haben uns im Erdgeschoss versammelt. Denn bei den tragenden Mauern um den Treppen­schacht ist die Chance am grössten, dass etwas stehen bleibt, wenn das Haus getroffen wird. Manche sprechen dann kein Wort mehr, bewegen sich nicht mehr. Dann gibt es die, die Witze reissen. Andere sind sichtbar gestresst, tigern umher.

Zur Person

Sonam Dreyer-Cornut, 36 Jahre alt, ist Fachfrau Intensiv­pflege und war zuletzt als Teamleiterin für «Ärzte ohne Grenzen» (MSF)  im Gazastreifen im Einsatz. Es war ihr dritter MSF-Einsatz innert eines Jahres. Ende 2024 war sie in Herat, Afghanistan, davor im Frühling in Cité Soleil, dem grössten Slum von Porte-au-Prince, Haiti. Während der letzten Jahre unterrichtete sie zudem an der Fach­hochschule HES-SO in Sion angehende Pflege­fachpersonen.

Was taten Sie?
Ich begann zu arbeiten. Im Kopf. Als medizinische Teamleiterin war es meine Aufgabe, ein Team zu koordinieren. Das sind über 500 Menschen, die für die Verteilung der Medikamente zuständig sind, den Einsatz der Chirurginnen und Pfleger, die Abstimmung mit dem Gesundheits­ministerium und mit anderen NGOs. Du überlegst dir: Morgen muss ich diesen und diesen Kollegen anrufen. Dann müssen wir prüfen, welche Schäden es gibt an der Infra­struktur. Und dann müssen wir entscheiden: Schliessen wir vorüber­gehend, oder nicht? Du wechselst in einen Modus, in dem die nächsten 24 Stunden organisiert werden. Alles, was du in den letzten Wochen gemacht hast, ist egal. Du sagst dir selbst: «Du versuchst jetzt, etwas zu schlafen. Dann stehst du auf und gehst das an.» 

Vier Tage nach den ersten Bombardierungen haben Sie Ihr Team in den Süden abgezogen.
Ja. Im ganzen Land fielen Bomben, wir wussten: Aus dem Gaza­streifen raus kommen wir nur noch im Süden. Und der Korridor konnte jederzeit ganz geschlossen werden. Wie ein Strick, der sich um deinen Hals festzieht. Wir mussten durch, solange wir noch konnten. Also entschied MSF, unser Team abzuziehen. Das ist eine schreckliche Entscheidung, die man fällen muss. Denn unsere dreissig lokalen Mitarbeiter blieben in Gaza-Stadt zurück. Wir wollten im Süden ein neues mobiles Spital aufbauen, erhielten aber kurz nach der Ankunft einen Evakuierungs­befehl.

Hatten Sie Angst?
Nein, eigentlich nicht. Oder zumindest bald nicht mehr. Klar, in den ersten Tagen der massiven Bombardierungen springst du jedes Mal auf. Aber nach ein paar Wochen hörst du die Einschläge kaum mehr. Du arbeitest, du hörst einen Knall. «Ah, das muss Rafah sein», denkst du, «das da war wohl Khan Younis.» Dann machst du weiter. 

Wie es ist, im Wissen zu leben, dass einen jederzeit eine Bombe treffen kann?
In Haiti, wo ich letztes Jahr für MSF im Einsatz war, da gab es auch keine Vorankündigung, wenn die Gangster aufeinander geschossen haben. Aber der Unterschied ist: In Gaza fällt die Gefahr aus dem Himmel. Schwere, mächtige Projektile. Und du weisst nie, wo und wann. Man hat das Gefühl, ausgeliefert zu sein. 

Die Überlebenden müssen immer wieder fliehen, weil Israel neue Evakuierungs­befehle erlässt.
Ja, aber viele können nicht mehr. Das Gebiet, in dem ein Kollege lebt, der in der Stadt Gaza mit mir gearbeitet hat, wurde zu so einer Zone. Ich habe ihm gesagt: «Bring dich und deine Familie in Sicherheit!» Er sagte: «Nein. Wo soll ich hin? Meine Familie und ich bleiben hier. Wir können nicht mehr. Wenn wir sterben, sterben wir zu Hause.» Wenn deine Kollegen diesen Grad der Verzweiflung erreicht haben, so am Ende ihrer Kräfte sind, dass sie sagen: Dann sterben wir halt … Das ist hart.

Woran mangelt es am meisten aus medizinischer Sicht?
Profane Dinge. Schmerzmittel. Betäubungs­mittel. Seit dem 2. März kommt nichts mehr in den Gaza­streifen. Es gibt kaum mehr Treibstoff, was bedeutet: keine funktionierenden Generatoren und damit auch kein Strom. Vor allem aber gibt es kaum mehr etwas zu essen. Und das, was es noch gibt, ist unglaublich teuer. 

Was heisst das?
Einer unserer Chauffeure hat mir erzählt, er habe Tomaten zu einem guten Preis gefunden. Ein Kilo kostete etwa vierzig Schweizer Franken. Ein knappes Kilo Fisch kostet etwa 150 Franken.

Auch die Lager des Welternährungs­programm sind leer. Und jetzt?
Ich weiss es nicht. Wir untersuchen die Mangelernährung. Bei Patienten mit Verbrennungen ist die Ernährung entscheidend. Du brauchst mindestens 3000 Kalorien pro Tag, damit eine Wunde heilen kann. Sonst verzögert sich der Proess, es gibt Infektionen, transplantierte Haut wird abgestossen, manchmal muss man amputieren. Patientinnen, die seit Wochen operiert werden sollten, kommen zu uns, um ihre Verbände wechseln zu lassen, und dann sehen wir: Da wächst nichts zusammen. Die Spitäler haben eine Strategie nur noch zu behandeln, wenn es lebensbedrohlich ist. Alle anderen müssen warten.

Was erwartet Sie nun Zuhause? Albträume?
Nein, ich schlafe super. Normalerweise ist es so: In der ersten Woche nach einem Einsatz bin ich noch voll Adrenalin und Taten­drang, aber auch so müde, dass ich bestens schlafen kann. Dann, nach einer Woche, wenn dein Körper verstanden hat, dass er wieder in Sicherheit ist, kommt der Zusammenbruch. Dann schaffe ich es manchmal während zwei, drei Tagen kaum mehr, mich zu bewegen. Oder werde krank. Ich freue mich auf einen ruhigen Sommer in der Schweiz. Aber erst einmal bleibe ich verbunden mit dem Team in Gaza, bleibe erreichbar, wenn es Fragen gibt. Sie hatten mich gefragt, ob ich Angst gehabt hätte während meines Einsatzes? 

Ja?
Was mich an die Grenze gebracht hat, war das Unverständnis. Warum geht das immer weiter? Die Leute haben genug gelitten. Was kann eine solche Zerstörung rechtfertigen? Du siehst jeden Tag die Patientinnen, siehst, in welchem Zustand sie zu dir kommen, und dein Unverständnis wird jeden Tag grösser. Wenn man weiter Spitäler ins Visier nimmt, wenn es immer weniger Orte gibt, wo die Menschen sicher sind, wenn man keine Medikamente, kein Essen reinlässt, wenn die Grenzen nicht geöffnet werden; weiss ich nicht, wie diese Menschen die nächsten Wochen überleben sollen. Und das macht mir Angst.

Redaktionelle Anmerkung: 
Das Interview ist zuerst bei der Republik erschienen, es wurde am 9. Mai 2025 veröffentlicht und erscheint hier in redigierter, gekürzter Form. Wir danken den Kolleginnen und Kollegen der Republik für die Genehmigung zum Zweitabdruck. 
 
Vor wenigen Wochen sollte es in der humanitären Hilfe zu einem Paradigmenwechsel kommen: Eine Stiftung sollte über neue Verteilzentren Lebensmittel und medizinische Güter sowie Hygieneartikel verteilen. Die Stiftung musste ihre Arbeit bereits wieder einstellen, bei Verteilaktionen war es zu Tumulten gekommen. Internationale Hilfe erreicht die Menschen nur vereinzelt. (red)

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