Wenn Algorithmen Angriffsziele bestimmen
Künstliche Intelligenz schreibt Briefe und Bewerbungen. Sie wird in Smartphones eingesetzt und für Übersetzungsmaschinen. Für Telemedizin und roboterassistierte Chirurgie. Die Nachfrage nach KI-Anwendungen ist riesig. Im Interview im bref-Magazin sagt der Philosoph und Ethiker Atay Kozlovski. «Das verleitet manche dazu, KI-Systeme auch für Aufgaben einzusetzen, bei denen es um Leben und Tod geht.»
Weniger fehlerhaft?
Die israelische Armee nutzt im Krieg gegen die Hamas Künstliche Intelligenz, um Angriffsziele zu bestimmen. Die KI-Systeme errechnen zum einen mittels riesiger Datenmengen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Einwohner des Gazastreifens einer terroristischen Organisation angehört. Zum anderen liefern sie Empfehlungen für Bombardierungen und Informationen zu Personen.
Ein oft gehörtes Argument für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz besagt, sie mache weniger Fehler als Armeeangehörige und könne so helfen, Militärschläge präziser auszuführen, was zu weniger zivilen Opfern führe. Ein anderes, die Systeme seien in der Lage, grosse Datenmengen viel schneller auszuwerten, als ein Mensch dies tun kann.
Für Atay Kozlovski, der in Israel aufgewachsen ist, dort Militärdienst geleistet hat und heute an der Universität Zürich zu KI-Ethik forscht, ist das stärkste Argument für eine militärische Anwendung aber ein anderes.
Gefahr der Entmenschlichung
Der Philosoph sagt: «Die Politiker eines Landes sind moralisch dazu verpflichtet, die Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Stellen Sie sich vor, Sie müssten als Politiker den Eltern von jungen Soldaten erklären, dass sie zwar über eine Technologie verfügen, die das Leben ihres Sohnes oder ihrer Tochter retten könnte – aber diese nicht einsetzen wollen.»
Diesem moralischen Argument für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz stellt Kozlovski aber eine ganze Reihe von Einwänden gegenüber. Einer lautet, dass KI-Systeme die Schwelle senken können, ab der wir bereit sind, in einen Krieg zu ziehen. Ein weiterer, dass die Gefahr der Entmenschlichung besteht, wenn wir viele Leute gleichzeitig angreifen. Sein dritter Einwand zielt auf die moralische und rechtliche Verantwortung: Wer steht hin, wenn das System Fehler macht?
Lesen Sie das ganze Interview mit Atay Kozlovski im bref.