Game-Tipp: Religion grandios in den Tropen inszeniert

In der brillanten Aufbausimulation «Tropico» bestimmen die Spieler das Schicksal einer Bananenrepublik – und ihrer Gläubigen. Den Machern ist eines der besten Aufbauspiele der letzten Jahre gelungen.

Tropeninsel, Kolonialzeit: Noch zeichnen die Palmen im Landesinneren ein idyllisches Bild, doch wir brauchen den Platz für den Fortschritt: Ein paar Klicks später sind die Bäume einer Zuckerrohrplantage mitsamt Zufahrtsstrasse und Arbeiterbehausungen gewichen. Der Handel mit Zucker spült ordentlich Geld in die Staatskasse, das den Zielen von El Presidente, dem Idol aller Möchtegern-Diktatoren, dienlich sein wird: die eigene Familie mit lauteren oder unlauteren Mitteln an der Macht zu halten und dabei das private «Schweizer Nummernkonto» mit irrwitzigen Summen zu füllen. Doch das Tagesgeschäft, das die Spieler dieser satirischen Wirtschafts- und Aufbausimulation übernehmen, gilt zunächst den kleinen Dingen: Die Bewohner brauchen Nahrung, Wohnungen, Arbeit, Unterhaltung und Sicherheit. Also werden Felder angelegt, Wohnhäuser, Tavernen und Kasernen gebaut, Kohle und Erze gefördert. Daneben erlässt El Presidente Verordnungen, die die Kolonie aus der Abhängigkeit befreien und durch insgesamt vier «Zeitalter» wahlweise in Richtung Demokratie, Diktatur, Touristenparadies, Wirtschaftsmacht und andere Themen steuern.

 Säkularer Umgang mit Religion

Wie in vielen Strategie- und Aufbauspielen hat in «Tropico 5» auch die Religion ihren Platz. Sie ist ein Bedürfnis der Bevölkerung und kann durch den Bau von Missions- und Kirchgebäuden befriedigt werden. In späteren Epochen sind die «Religiösen» eine von mehreren Fraktionen, deren Zufriedenheit von der Politik des Spielers abhängt: Sie freuen sich über familienfreundliche und konservative Entscheidungen wie die Beschränkung der Stimmrechte auf Reiche und Männer, das Verbot von Kinderarbeit oder die Theokratie anstelle eines säkularen oder atheistischen Staates. Auf den Bau von Casinos, Nachtclubs und Forschungseinrichtungen reagieren sie hingegen gereizt. Es passt gut zum schwarzen Humor von «Tropico 5», dass Religion überspitzt als Club von Moralapostel erscheint, die zum Spielball kalkulierender politischer Führer werden. Verfehlt wäre es, darin nur eine aufklärerische Kritik zu sehen. Denn durch den spielerischen, säkularen Umgang mit Religion und durch ihre Darstellung als Wahloption bietet das Medium auch einen modernen Rahmen, innerhalb dessen sich viele Spielende auf religiöse Themen einlassen können.

Eines der besten Aufbauspiele der letzten Jahre

Mit dem Humor, der warmen Grafik, der karibischen Musik und dem spanischen Akzent der Sprecher verströmt das Spiel Urlaubsstimmung. Dahinter aber verbirgt sich eine anspruchsvolle wie überzeugende Wirtschaftssimulation, welche von den Spielern konstante Optimierungsarbeit fordert. Dabei wird man gut geführt: Durch das Tutorial findet sich der Spieler schnell mit der Steuerung zurecht, der Almanach und die Inforaster liefern alle wichtigen Informationen wie Bodenfruchtbarkeit, Schönheit, Umweltverschmutzung intuitiv und übersichtlich. Die Kampagne und die einzelnen überschaubaren Missionen sorgen dafür, dass weder die Lern- noch die Motivationskurve abflachen. Und mit dem Multiplayer-Modus können bis zu vier Spielern gegeneinander oder gemeinsam anzutreten. Kleinere Schnitzer wie die umständliche Strassenanbindung oder fehlerhafte Texte stören das Spiel nicht wirklich – «Tropico 5» ist eines der besten Aufbauspiele der letzten Jahre.

 

Angaben zum Spiel

Tropico 5 (Haemimont Games/Kalypso 2014)
Sprache: Deutsch u.a.
Offizielle Webseite: www.tropico5.com/de
Plattformen: Windows (Vista/7/8); Xbox 360; PlayStation 4
Preis: Fr. 49.90 (PC-Ladenversion)
PEGI-Alterskennzeichnung: Ab 16 Jahren

 

 

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

Forschungswebseite «Between God Mode and God Mood»