Filmtipp: «Sibel»

«Sibel» erzählt die märchenhaft anmutende Geschichte einer jungen Aussenseiterin, die sich vom «enfant sauvage» zur selbstbewussten Frau entwickelt. Der Film hat im vergangenen Jahr am Filmfestival in Locarno den Preis der ökumenischen Jury gewonnen.

Starke Frauengeschichten prägen das aktuelle Kino. Mit Sibel tritt eine junge Frau aus einem abgelegenen, türkischen Bergdorf auf die Leinwand, die sich durch den Alltag kämpfen muss. Sie ist stumm und verständigt sich mittels einer Pfeifsprache. Dies ist keine künstliche Dramatisierung durch das Filmer-Paar Guillaume Giovanetti und Çağla Zencirci, sondern nahe an der Realität. Die Geschichte ist in der Region Kusköy am Schwarzen Meer angesiedelt, wo diese Lautsprache verwendet wird. Hier streifen noch Wölfe durch den Wald und in der Natur lauern Gefahren. Sibel hat sich zum Ziel gesetzt, der Bedrohung zu trotzen und einen Wolf zu erlegen.

Moderner Blick auf eine archaische Welt

Die Schönheit der Hauptfigur ist vorerst eine raue und wilde, denn der Film beschreibt den Weg einer Menschwerdung. Als «enfant sauvage» lernt Sibel ihre Schönheit zu begreifen: durch die Begegnung mit einem Mann, den sie vor der Gewalt im Dorf retten will. Sibel entdeckt sich als Mensch und als Frau, was zu einem Konflikt mit Normen und Konventionen führt. Die Selbstbehauptung von Sibel in dieser traditionellen Gesellschaft gelingt.

Damit wirft der Film einen modernen Blick auf die archaische Welt am Schwarzen Meer. «Der Film zeigt ein kraftvolles Bild einer Figur, die patriarchalische Strukturen und Identitäten in Frage stellt und so zu einem Beispiel für die Würde der anderen Frauen in der Gemeinschaft wird», begründet die Ökumenische Jury am Filmfestival Locarno im vergangenen Jahr die Vergabe ihres Preises an «Sibel».

«Sibel», Frankreich/Deutschland/Luxemburg/Türkei, 2018; Regie: Guillaume Giovanetti und Çağla Zencirci; Verleih: Trigon.

Kinostart: 10. Januar 2019